Zeit vertun…

Zeit kennenlernen durch Vertun von Zeit, geht das? Dass

es gehe, hat kürzlich jemand behauptet. Doch was soll an vertaner Zeit von solcher Bedeutung sein, dass wir dadurch die Zeit neu kennenlernen?!

Vertane Zeit ist, was ein alter Buddhist in folgender Erzählung eindringlich ausführt. In der Erzählung begegnet dieser alte, weise Mann einem dahereilenden Wanderer. Dieser ist jung und fiebert nach Abenteuern. Nach einer kurzen Begrüßung dringt der Alte in den Jungen ein und bedrängt ihn mit dem Auftrag, jetzt und sofort und nichts als nur noch das ganze Leben lang zu meditieren. Das Leben sei so kurz, dass mit dem Meditieren nicht früh genug angefangen werden könne, dies ist die Erkenntnis des alten Mannes, der schon viele Jahre lang meditiert. Der junge Abenteurer versteht die Botschaft des Alten, sieht allerdings nicht ein, dass er seine Reise in die schöne weite Welt unterbrechen und nun sofort mit dem Meditieren beginnen sollte. In den Augen des Alten vertut er damit seine Zeit.

Zeit kennenlernen, indem wir Zeit vertun, hat auf eine gewisse Weise mit dem Spiel zu tun, doch so richtig passt es nicht. Im Spiel wird die Zeit nicht vertan, sie wird höchstens vergessen. Dadurch die Zeit kennenzulernen, scheint möglich, allerdings nicht erklärbar zu sein. Doch wer ganz ins Spiel abtaucht, lernt in diesem Zustand von Zeitlosigkeit etwas über die Zeit kennen, das sonst verborgen bleibt.

Heute vor 271 Jahre kam Goethe in Frankfurt zur Welt. Die Geburt dauerte so lange, dass er sie fast nicht überlebt und sich verabschiedet hatte, bevor er auf unserer Planetin, die er so sehr lieben lernte, überhaupt angekommen war! Kaum jemand kann so wie Goethe in der Frage mitreden, was Zeit sei. Sein gesamtes wissenschaftliches Werk gibt Antwort darauf. Es ruht auf einem ganzheitlichen Zeitansatz, dem sich die gegenwärtigen Wissenschaften langsam, doch erst ansatzweise nähern. 

Goethe ist für mich ein Mensch, der keine Zeit vertan hat, doch er hat gespielt. Er hat die Phänomene der Welt mit seinem an das Betrachten dieser Phänomene geknüpften Gedanken in dauernder Verbindung und Schwebe gehalten. Solange dies geschieht, bleibt der Gesamtzusammenhang von Erscheinungen und ihnen an die Seite gestellter Erkenntnis gewahrt.

Das ist der Weg, Zeit kennenzulernen.

Herzlich,