Zusammen geht’s besser – und anders

Angesichts der gigantischen Zivilisationskrankheit des fragmentierten Denkens, das sich in Lamentieren, inneren und äußeren Kriteleien gegen andere und gegen sich selbst, in Hass und Selbsthass, Mitleid und Selbstmitleid äußert – angesichts dieser Denkens appelliere ich an den Versuch gemeinsam zu denken. Eigenartig, das Wörtchen ‹gemenisam› bei diesem sonst doch so einsamen Geschäft! Zu dieser Eigenart kommt hinzu, dass gemeinsam denken prompt auch noch eine Kunst ist und zwar eine solche, die sich gründlich gewaschen hat.

Gemeinsames Denken ermöglicht, dass die Einzelnen in sich etwas öffnen und erweitern können. Zusammenzukommen und dies gemeinsam zu tun, ist revolutionär.

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert mussten sich Künstler aus der Gesellschaft entfernen und eigene Wege gehen, um ihr Potential zu entfalten. Das ging nicht gemeinsam. Picasso, Max Ernst, Gustav Mahler. – Heute ist das Umgekehrte dran, da müssen wir zusammenkommen, analog, mit allen Mühen, die uns das beschert. Joseph Beuys ist das beste Beispiel für diesen neuen Künstlertyp. Zusammenkommen mit anderen ist oft nur Krampf, doch das, was heute unsere Kreativität ist, können wir besser gemeinsam hervorbringen als in der guten Denkstube des Philosophen oder im gediegenen Atelier des Künstlers. Keine Angst, du verlierst dabei nicht deine Individualität, im Gegenteil, du findest sie und findest sie nur dort.

«Nicht im Stich lassen – sich nicht und andere nicht. Das ist die Mindest-Utopie, ohne die es nicht lohnt, Mensch zu sein», schrieb Hilde Domin. Oder Antonio Porchia, ich liebe ihn, er ist in Deutschland unbekannt, dieser aus Italien nach Südamerika ausgewanderte, mausarme und grundfriedliche Dichter in Buenos Aires, der, wenn ihn jemand besucht hatte, den Besuch stets mit der Wendung verabschiedete: «Sei in Liebe mit Dir.»

Seid in Liebe mit euch und seilt euch nicht ab, nicht von den menschlichen Verbindungen, nicht von euch selbst. Sorgt für Reibung, Adhäsion, Wärme – analog. Das ist nur in der Vorstellung schwer. Doch das Schwere, wenn wir es erheben und, wie Sisyphus seine schweren Steine, immer wieder neu den Berg hinanrollen, wird leicht und immer leichter.