David Bohms Dialogvision

Im Büchlein Die Dialog-Vision von David Bohm, Menon Verlag Heidelberg, verwendet Angelika Sandtmann in ihrer Auseinandersetzung mit dem Bohmschen Dialog viel Raum für die Biographie von David Bohm (1917-1992). Ein solcher Ansatz scheint mir sinnvoll zu sein. Unter Einbezug der englischen Literatur zu David Bohm gibt die Autorin einen versierten Einblick in sein Leben, das von der Suche nach einem spirituellen und gleichzeitig naturwissenschaftlichen Weltbild geprägt war. Als ein besonderer Schwerpunkt in Bohms Leben wird seine Begegnung mit Jiddu Krishnamurti dargestellt, eine folgenschwere Begegnung, die dazu führte, dass sich Bohm intensiv mit dem Wesen des Dialogischen auseinandersetzte. In Sandtmanns Beschreibung treten die zetralen Ansätze seines Denkens hervor, das eher in der jüdischen Mystik zu Hause ist und weniger ein Erfolgsprogramm für das Coaching großer Wirtschaftsunternehmen darstellt, wie dies manche Dialogbücher suggerieren. David Bohm war schließlich ein Kind jüdisch orthodoxer Einwanderer aus Osteueropa und damit dem Denken des großen Dialogphilosophen und Chassidismusforscher Martin Buber vermutlich näher als demjenigen amerikanischer Firmenmanager.

Im zweiten Teil ihres Buches geht Angelika Sandtmann genauer auf Bohms Dialogansatz ein. Die kleine Studie endet mit einer Schlussbetrachtung, in der Bohms Ansatz mit der dialogischen Kultur des Hardenberg Instituts verglichen wird. Spätestens seit Marshall Rosenberg wissen wir, dass Vergleiche meistens unersprießlich und nicht selten geradezu gefährlich sind. Ich kann mir zwar durchaus vorstellen, dass ein profunder Vergleich zwischen dem Dialogansatz von Bohm und demjenigen von beispielsweise dem Hardenberg Institut möglich ist und die verschiedenen Ansätze in einer solchen Tiefe durchdringt, dass sich ihre Kernaussagen gegenseitig befruchten. Ein solcher Vergleich bräuchte viel Raum und die nötige Differenzierung in den Details. Das kann ein solch schlankes Büchlein nicht leisten.

Mich jedenfalls kann Sandtmanns Vergleich nicht überzeugen. Er ist so kurz gegriffen, dass er meines Erachtens zu Missverständnissen führt. Was ich bei ihrem Vergleich überhaupt nicht verstehen kann, ist die Behauptung, dass der Bohmsche Dialog eine «unpersönliche Gemeinschaft» anstrebe und «in seiner Suche nach Gemeinschaft die Bedeutung des Individuellen ausblendet“, wie  auf S.70 zu lesen. Dies widerspricht restlos meiner Erfahrung. – Dialogrunden, wie sie David Bohm zusammen mit seiner Frau an verschiedenen Orten auf der Welt durchgeführt hat, solche wöchentlich sich wiederholende Diaolgrunden in gleicher Zusammensetzung fördern die persönliche Entfaltung der Einzelnen auf eine für alle erkennbare, oft berührende Weise. Und sie führen, oft unspektakulär und fein, aber sehr wohl erfahrbar für alle, zu eigenständigem Handeln. Dass manches im Bohmschen Dialog über das Persönliche der Zusammensitzenden hinausgeht, ist dabei etwas, das im Sozialen eine wohltuende Wirkung zu entfalten vermag.

 

Mit guten Wünschen und einem herzensgut gemeinten Gruß,