Amselalarm

Ich meine nicht die Amselkrankheit, wenn ich vom Amselalarm spreche, sondern ein auffälliges, hochbegabtes Amselmännchen, das bei uns im Garten singt. Es beherrscht Singstrophen, die keine andere Amsel beherrscht. Auch Alarm.

Aber der Reihe nach, erst gilt es zu klären, ob die Welt nach Corona wieder zum Alltagsleben zurückkehre oder ob es nie wieder so sein werde wie vorher. Dazu gibt es gegensätzliche Meinungen und die vielen verschiedenen Lager sind in sich nocheinmal vielfältig gespalten. Ich kann mir gut vorstellen, dass es trotz größter Bemühungen nicht mehr so weitergehen wird, weil es nicht mehr so weitergehen wird und vernünftigerweise auch nicht mehr soll. Soweit meine Meinung.

Was das heißt, ist vorerst noch unergründbar, doch es fühlt sich vermutlich so an, dass nachher etwas zum Leben dazugekommen ist und das neue Leben prägt, während das Alte nicht mehr rückführbar ist, weil ein bestimmtes Erlebnis einen Vorhang vor das alte Leben gezogen hat und dieser Vorhang nie mehr aufgehen wird, sondern die Bühne frei ist für ein anderes Spiel.

Die Amsel war eine lebenstüchtige, in ihrem Revier erfolgreiche Vertreterin ihrer Art. Sie sang, stritt, schützte ihr Weibchen und sorgte alljährlich mindestens einmal für Amselnachwuchs. Ein normales, funktionierendes Amselleben. Doch dann geschah etwas, das ihr Leben veränderte. Vielleicht hielt sie sich in dem Moment besonders nah beim Auto auf, das ihrem Leben für immer eine andere Wendung gab. Jedenfalls hörte sie irgendwann in ihrem Leben zum erstenmal den Sirenenalarm eines Autos. Nach diesem Erlebnis nahm sie die Erinnerung an den Alarm in ihr Repertoire auf und  baute ihn in ihre Strophen ein.

Der Gesang dieser Amsel ist unverkennbar, sie jubiliert, mal direkt auf einem Baum in unserem Garten, mal weiter weg. Der Autoalarm aus ihrem Schnabel hat etwas erfrischend Erschreckendes und aufweckend Lustiges. Er ist als Merkmal für besondere Amselpersönlichkeiten so erfolgreich geworden, dass einige andere Amseln im Quartier inzwischen ebenfalls auf Alarmstufe singen, wenn auch nicht in der Schärfe und Alarmhaftigkeit des Pioniervogels. Dieser selbst ist längst auf anderen Wegen. Er ist vom Repertoire seines Gesangs so begeistert, dass er inzwischen weitere Alleinstellungsmerkmale erarbeitet hat. Manchmal ahmt der Amslerich Tonfolgen und Kehllaute einer drei Gärten weiter beheimateten Nachtigall nach. Und als ich gestern lange in der Stille draußen saß und von Hand Hunderte von Kernen aus Sauerkirschen presste, hörte ich etwa eine Stunde lang der Alarmamsel zu. Sie produzierte einen selten, aber wiederholt erklingenden Doppeltriller. Wenn ich solche von weltberühmten Gitarristen höre, kann ich vor lauter Aufregung über eine solche technische Leistung nicht mehr länger auf dem Stuhl sitzen, aber eine Amsel!

Dieser Vogel singt nie wieder wie vor dem Klingel- beziehungs Alarmton, den er einmal gehört hat. Und das neue Leben macht ihm eine solche Freude, dass er seinen Gesang seither immer weiter ausgebaut hat. Er ist nicht einfach ein Kulturfolger oder sonst etwas Berechenbares, er ist in einer neuen Welt und diese beschert ihm Freuden, die er in der alten Welt nicht gekannt hat.