«Auf dem faslchen Dampfer»

Das  mag ich gar nicht, wenn jemand an meiner Maske rummacht, auch wenn er oder sie es nur mit Worten tut.

Für unseren Besuch heute, der zum zweiten Frühstück eingeladen war, ging ich extra zur Bäckerei Streiter. Die haben diese neckischen kleinen Partybrötchen! Ich zog vor dem Laden die Maske auf, ging hinein und sagte: «In ihrer Bäckerei gibt es doch diese Partybrötchen, davon hätte ich gern eine Tüte voll.» Die Verkäuferin hinter der Theke war kleiner als ich, adrett, jung und aufgeräumt, schöne Augen, der Rest war verschleiert nach Vorschrift.

«Das geht nicht, man sieht noch was von Ihrer Nase,» gab sie zur Antwort. Dort, wo sonst ihre (vermutlich knallrot geschminkten) Lippen zu sehen wären, waren auf ihrer Maske knallrote Lippen aufgemalt und auf diesen Lippen der Firmenstempel der Bäckerei.

«Und ich sehe ihren Mund, das geht auch nicht,» feixte ich und meinte schon, mein Späßchen habe gesessen. Doch schneller als gesehen schaltete sie auf He-Du-Scheiß-Typ-Lass-Mich-In-Ruh um und ließ mich kalt stehen.

Dabei hatte sie angefangen. Und wenn sie meinen Scherz nicht versteht, ist sie selber schuld. Ich kam mir vor wie ein Dandy, wie Heiner Müller, der Theatermann und wortgewandte Sachse, der heute einundneunzig wäre, würde er noch leben. „Ich war aus Sachsen gewöhnt, wenn man ein Mädchen sieht, quatscht man die an,» schreibt er in seiner Autobiografie Krieg ohne Schlacht, «das habe ich in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße genauso gemacht. Ich habe eine angequatscht, die mir gefiel, und die sagte: ‹Mein Herr, Sie sind auf dem falschen Dampfer.› Das war für mich Berlin.»

Ich lebe noch und dies in Kassel. Hier in der Provinz quatscht man Mädchen nur an, wenn sie einen wegen der Masken angreifen – ich jedenfalls.