Bart von großer Länge

Heute traf ich am Tor vor dem Haus, in dem wir zur Miete wohnen, auf einen Bekannten, der um drei Ecken von hier wohnt, den ich aber in letzter Zeit nicht mehr oft gesehen habe. Er stand mit dem Gesicht zur Sonne und erzählte von seinen Pflanzerfolgen mit ‹Essbare Stadt›. Er ist seit Jahrzehnten unterwegs und bepflanzt erfolgreich öffentliche Plätze, produziert Stadthonig, arbeitet in Gärten, die er herrichtet, auch im Winter.

Irgendwann sagte ich, den Gebildeten raushängend, der sich mit Büsten der großen Figuren des Abendlandes auszukennen vorgibt: «Mensch, Du hast ja einen Bart,lichtdurchscheinend und weiß wie der Bart von Platon. Steht Dir gut, wirklich!» Er grinste und sagte nur: «Coronabart.» – Wie? Ich  verstand nicht. Ja, Coronabart. Er habe vor ziemlich genau einem Jahr in einem Buch gelesen über Epidemien, Cholera und so, und da sei dann plötzlich überall von Corona die Rede gewesen und er habe gedacht, na, mal sehen, was das wird und wie lange das dauert. Und habe sich gesagt, er lasse den Bart so lange wachsen, bis die Sache vorbei sei. «Oh», sagte ich, «und was meinst Du, wie lange wird Dein Bart noch wachsen?»

Er sagte nichts, die Frage interessierte ihn offenbar nicht besonders. Ich meinte jedoch zu bemerken, dass ihm die Würde, in der er vor mir stand, gar sehr gefiel.

«Wie wärs, wenn Du den Bart fröhlich weiterwachsen lässt, weil er Dir wirklich gut steht?» Ja, das habe er vor. «Und damit wir uns nicht mehr Sorgen machen müssen, kannst Du ihn ja einfach umtaufen. Das nimmt Dir keiner übel und wir hätten ja dann wieder alle Optionen offen.»

Ja, fand er gut. Das war unser Gespräch, und obwohl ich ihn für einen ganz geraden Nachbarn halte, bin ich mir sicher, dass er dem Nächsten, der ihn nach seinem Bart fragt, das Gleiche sagen wird wie er mir gesagt hat.

Soll er doch, finde ich, und grüße, herzlich