«begrenzt viruzid wirksam»

Nicht immer ist alles in der Fußnote siebenhundertdreiundneunzig versteckt wie bei hinterlistigen Verträgen. Manchmal steht eine Information auch mal ganz oben als Begrüßungsmessage und Eyeopener.

Die Untertitel bei Desinfektionsmitteln besipielsweise. Sie sprechen Klartext. Man muss sie nur lesen. Wenn ich sie lese, verstehe ich, kurz zusammengefasst, dass das Handdesinfektionsmittel, das ich gekauft habe, kein Handseinfektionsmittel ist, jedenfalls keines, das wirkt. Bisher genügte es, wenn auf der Flasche stand, dass da viel Ethanol drin ist. Doch nun ist es so, dass die Hersteller von Desinfektionsmitteln ihre derzeitigen großen Gewinne nicht dadurch gefährden wollen, dass sie etwas versprechen, was sie gar nicht erfüllen. Also schreiben sie unter dem hoffnungsfrohen Titel «Hände Desinfektionsmittel» darunter, dieses Mittel sei nur «begrenzt viruzid wirksam gegen behüllte Viren» und weisen des weiteren auf Coronaviren hin, die solche behüllte Viren sind – oder seien. Sind es denn nun wirklich behüllte Viren? Ist das hier denn nun wirklich ein Handdesinfektionsmittel? Habe ich diesen Artikel wirklich in den Warenkorb gelegt, weil ich mich denn nun zu meinem und meiner Mitmenschen Schutz gegen die Pandemie bewaffnen will?

Sie sind gerade dabei, eine Waffe gegen einen behüllten Feind zu kaufen. Achtung, sie ist nur begrenzt gegen diesen Feind einsetzbar. Solche Dinge trauen sich die Hersteller von Desinfektionsmitteln heute ganz oben hinzuschreiben. Und ich bezahle an der Kasse und nehme beim Einpacken sofort das Desinfektionsmittel hervor, ziehe den Klickkopf raus und träufle zufrieden die zur Anwendung fertige Lösung auf meine Hände. Wer weiß, wie gefährlich das Fräulein an der Kasse war?! Und ich mache es so richtig richtig, ziehe die Flüssigkeit mit den Fingerspitzen einzeln in die weichen Hautstellen innen und außen an der Hand gegen die Handwurzel, genauso wie es der Gesundheitsminister in einem Video für die Bevölkerung vormacht.

Es macht den Anschein, dass wir alle endlich Verantwortung füreinander übernehmen, dass wir uns nichts mehr vormachen, dass wir endlich aufgewacht sind. Wenn das so weitergeht – und sowieso, ich hatte noch nie so viel Zeit wie jetzt für solche Sachen –, werde ich bei jedem Vorgang, der von mir das Kreuzchen bei der Stelle verlangt, wo ich die Geschäftsbedingungen akzeptiere, da werde ich mir angewöhnen, diese ganzen ausschweifenden Bedingungen tatsächlich zu lesen, und zwar so lange, bis ich sie verstehe.

Ja, ich bin aufgewacht und genau das werde ich fortan tun, auf die Gefahr hin, dass ich dann nichts mehr unterschreibe. Hätte ich das mit der begrenzten Wirksamkeit meines Desinfektionsmittels schon vor dem Abkassieren gelesen, ich hätte es gleich im Supermarkt liegen lassen…