Brutale Ideenzusammenhänge

Berenike hatte einen Gedanken, der ihr lange zu schaffen machte und nun auch bei mir wie ein Ohr-, besser Hirnwurm in meinen Synapsen im Kopf herumgeistert. Was wäre gewesen, wenn Corona nicht uns Menschen getroffen hätte, sondern unsere Hunde?! Und zwar so getroffen, dass sie, wie damals bei der Pest, zu Krankeitsträgern und Krankheitsüberträgern erklärt worden wären?

Wir wissen, was mit ihnen passiert wäre, weltweit, mit allen und jedem und jeder. Anscheinend zögert der Mensch in einer solchen Situation keinen Augenblick. Wir hätten sie eingesammelt und geschreddert. Nichts weniger als genau dies. Und wer nach ihrer allgemeinen Vernichtung noch welche angetroffen hätte, würde sie abgeknallt haben, ganz kalt und besten Gewissens. Und wer rausgekriegt hätte, dass irgendwo noch Hunde versteckt gewesen wären, hätte sofort Anzeige gegen ihre Besitzer erstattet und wäre dafür reichlich belohnt worden. Ein grauenhaftes Szenario. Wenn ich mir alle die Hundeaugen vorstelle, wie sie unverständig, aber vertrauensselig bis zuletzt in unsere Augen geschaut hätten, geduldig, zutraulich, wunderschön. Aber wir wären doch so vorgegangen, oder etwa nicht?

Und jetzt werden die Gedankengänge brutal, vielleich höre ich deswegen mittendrin auf. Wenn ich mir das Morden all der Hunde auf der Welt vorstelle, all dieser lieben Haustiere, die an der Seele ihrer Herrchen und Weibchen hängen, dann wird es schummrig im Bauch und im Kopf – und im Herz.

Doch noch schlimmer als wir in einem solchen Ausnahmefall mit Hunden umgehen würden, gehen wir im ganz normalen Leben mit uns selber um. Ich erinnere mich, wie beim Sterben meines Vaters, als sein Leiden auf das Ende zuging und sowohl für ihn als auch für uns, die wir hilflos assistierten, schier unerträglich geworden war, mein Schwager und ich einmal das Zimmer verließen und für ein paar Minuten rausgingen, um etwas Luft zu schnappen. Wir meinten einvernehmlich und ohne dass wir uns darüber lange hätten verständigen müssen, dass wir Menschen einem Tier, das so leiden muss wie damals der Vater, schon längst die Kugel gegeben hätten. Ratsch, Schluss, als ein Akt der Gnade.

Ich war erschrocken, wie wir da so in dieser erschreckenden Sache übereinstimmten, denn da klang im Unterton gewissermaßen irgendwie der Wunsch mit, dass wir unserem Vater jene Erlösung wünschten, die wir Tieren angedeihen lassen, wenn in seinem Fall selbstverständlich auch nicht gerade durch einen Bolzen wie bei Schafen und Kühen und überhaupt. 

Kann es also sein, dass es noch eine schlimmere Vorstellung gibt als einen weltweiten Totalabschuss aller real exisiterenden Hunde? Ja, es gibt eine noch schlimmere Vorstellung, nämlich die künstliche Totallebenserhaltung aller Menschen?

Ich habs gewusst, diese denkbar undenkbare Gedanken sind brutal, aber manchmal liegen die Sachen auf der Hand.