„Kreuz“

Sollen wir die Wirklichkeit ignorieren und in der Welt der Möglichkeiten weiterhin pfifiige Details austüfteln? Mit unmöglich gewordenen Gedankenspielen in der Luft jonglieren? Kopfgeburten ohne Inhalt gebären? Nicht wie Pallas Athena, die parteiische griechische Göttin des Kriegs, die straks aus Zeus‘ Kopf entsprang und in die Geschicke der Menschen und der Welt eingriff, um Gutes zu wirken!

Sollen wir mutlos lustlos inhaltlos weitermachen wie bisher, so lange, bis es so nicht mehr weitergeht? Ist die Krise eine Betriebsstörung und nichts außerdem? Geht es darum, den gegenwärtigen Zustand zu entstören? Ein Problem entsorgen? Der Planetin den Zustand vor der Störung abzuringen? Ein Zustand, der für sie den Würgegriff bedeutete. Sind wir am Punkt, wo aus der Chance zur Verwandlung das Kreuz entsteht?

Der Wunsch, die Krise wegzurationalisieren zieht die Dornencorona nach sich.

Weltweit wird an demokratischen Grundrechten gerüttelt. Nicht erst seit Corona, aber seit Corona wie nie zuvor. Jetzt, wo die Unfreiheit ihre Fratze zeigt, wird an die unveräußerlichen Grundrechte und an Demokratie erinnert. Als hätten wir die Grundrechte, die Demokratie und all das, was wir für verloren erklären, je besessen.

Worum es geht, ist eine überdemokratische Solidarität – durch mich dich uns, durch meinen deinen unseren Willen. Alles andere zieht eine Dornencorona nach sich und dieses: Das Kreuz. Was wäre daran so schlimm?

Vor einigen Tagen spielte mir eine alte Frau, feinfühlig wie sie ist, ein Buch in die Hände. Es stammt aus den 1970er Jahren. Geschrieben hat es Ruth C. Cohn. Auf dem Cover des Buchs ist ein Zitat, das im Buch selber dann im Zusammenhang nocheinmal erscheint. Auf einem Buchdeckel ein solches Zitat, dachte ich spontan, als ich das ungeheuerlich Einleuchtende las und seither immer wieder von neuem lese:

«Zu wissen, dass ich zähle.

Zu wissen, dass du zählst.

Zu wissen, dass jeder Mensch zählt,

Ob schwarz, weiß, rot oder braun.

Die Erde zählt.

Das Universum zählt.

Mein Leid zählt.

Dein Leid zählt.

Wenn du dich nicht um mein Leid scherst

und mir dein Kummer gleichgültig ist,

werden wir beide von Hunger,

Krankheit und Massenmord ausgelöscht werden

 

Mit staunendem Gruß,

herzlich