d15 – Gemeinsam denken

Davon hatten wir es ganz zu Beginn meiner Tagesgedanken zu dieser documenta schon einmal. Es geht um den Schriftzug auf der Säule ganz rechts vor dem Fridericianum. Das Wort «Collective» in der Form eines aus knapp tausend mal dem Buchstaben «l» gestrickten Patchworks. Damit ist dem Künstler Dan Periovschi eine Darstellung gelungen, die vielleicht das Hauptthema der documenta fifteen eingefangen und in ein Bild umgesetzt hat.

Dieses in der Hafenstraße 76 von einem deutschen Kollektiv gehängte Banner würde die Nagelprobe des Kollektivgedankens bestehen. Es entspricht dem, was als «Deep Democracy», auch „Lewis Deep Democracy“ berkannt ist. Diese Methode wurde von den Psychologen Myrna und Greg Lewis als eine Form der prozessorientierten Psychologie entwickelt. Darin geht es um soziale Wandlungsprozesse auf individueller und kollektiver Ebene und leitet daraus Interventionsformen ab. In diesem Konzept kommen Psychologie, Physik, System­theorie, Kommunikationstheorie und Konstruktivismus zusammen. Es nährt sich aus der Kraft des Individuums, das sich in die Ressourcen des Kollektiven eingebunden fühlt. Die durch Individuation und Sozialisierung bestehenden divergierenden Positionen zwischen einzelnen Mitgliedern wird nicht als Hemmnis, sondern als Chance gesehen, jeweilige Positionen zwischen interagierenden Personen herauszuarbeiten und miteinander in Austausch zu bringen. Emotionen, Stimmungen, Gefühlslagen, Meinungen, Erinnerungen, Narrative, Erkenntnisse überlagern und befruchten sich. In dieser Arbeit gibt es keine Sieger-Narrative oder das Sich-Unterordnen einzelner unter Mainstream­-Meinungen. Die Verschiedenartigkeit der Personen und ihre verschiedenen Ten­denzen und Positionen bereichern sich, all dies trifft für Methode der „Lewis Deep Democracy“ zu wie für Kollektive und ihre Interaktion mit anderen Kollektiven. Es ist nicht mehr ein Lehrer-Schüler-Transfer. Vielmehr ist es ein Prozess dazwischen, und dies ohne von vornherein festgelegte Hierarchien. Joseph Beuys formulierte das neue Verhältnis so: «Das Atelier ist zwischen den Menschen».

Der Kollektiv-Gedanke auf der documenta muss nicht als Todesstunde der individuellen Kunstausübung interpretiert werden, auch nicht als neuer Kommunismus und auch nicht als die Knechtung der Freiheit des oder der Einzelnen. Die von immer mehr Menschen besuchten documenta-Standorte geben lebendige Eindrücke davon, wie Menschen direkt voneinander lernen können.