d15 – Ab wann sagt man «Skandal»?

Dass die palästinensische Künstlergruppe Question of Funding zur documenta fifteen eingeladen wurde, war für manche ein starkes Stück, ja ein Stein des Anstoßes. Es hagelte Vorwürfe. Das sei israelbezogener Antisemitismus, hieß es. Das Documenta-Kuratorenteam Ruangrupa wollte die Sache daraufhin öffentlich in Kassel mit Fachleuten diskutieren. Doch Kritik des Zentralrats der Juden an der Zusammensetzung der geplanten Diskussionsrunde veranlasste sie, das Ganze abzublasen und die Sache fallenzulassen. Das war der erste Skandal der neuen documenta.

Ein sehr viel kleinerer Skandal, jedoch mit umso größerem Lokalkolorit, ist die Absage der documenta an ein vergleichsweise kleines Unternehmen in Kassel, das Taschen und andere Verkaufsartikel mit documenta-Emblemen in Fairtrade- und Biosiegel-Qualität herstellen sollte. Ohne Begründung wurde ganz kurzfristig von der Unterzeichnung eines Vertrags abgesehen, den Auftrag erhält nun eine andere Firma.

Für den jungen und sonst sehr erfolgreichen Firmengründer des Kasseler Modelabels ist das bitter und er rügte in der Zeitung die rüden Praktiken der Kulturinsitution. Der documenta-Riese habe das vergleichsweise kleine Unternehmen «ins finanzielle Risiko» gedrückt. Ein solches Benehmen sei «das Gegenteil dessen, wofür die Leitlinien von Ruangrupa stehen».

Ob damit nur ein bisschen Missstimmung in Kassel aufgekommen ist oder ober wir von einem weiteren Skandal sprechen müssen, ist unwichtig. Was sich hier zeigt, ist die empfindliche Stimmungslage unter ‚uns‘ Kasselern. Das kleine Modeunternehmen, das über ein Jahr mit der kaufmännischen Abteilung der documenta in Verhandlungen war, fühlt sich vom Giganten über den Tisch gezogen. Dieses Gefühl haben viele, wenn wieder einmal documenta über Stadt und Land hinwegfegt.

Ein Künstler mit eigener Malschule in Kassel klagte mir einmal: «Alle fünf Jahre gestalten wir hier aus einer niedergewalzten Brache ein Biotop mit kleinen Tümpeln und mäandernden kleinen Bächlein. Dann kommt die documenta und macht alles wieder platt. Und wenn sie weg ist, fangen wir wieder von vorne an.» – Galerien klagen regelmäßig, dass sie ausgerechnet in den hundert Tagen, wo alle fünf Jahre hundertausende von Kunstinteressierten durch Kassel flanieren, am wenigsten Kunst verkaufen.

Das Gefühl mancher Kasselerinnen und Kasseler ist vergleichbar mit dem von Kleinbauern auf anderen Kontinenten, deren Leben plötzlich durch die Interessen eines Konzerns durcheinandergebracht wurde.