d15 – Alles in einem

 

In der christlichen Kunst sind Blau und Rot die Farben für die heilig-heilenden Kräfte der Madonna. Sie trägt bei Raffael Kleider und Umhänge in diesen Farben. Etwa die Sixtinische Madonna. Die dargestellte Skulptur, ein Ausschnitt eines Beitrags von Atis Rezistans, einem Künslterkollektiv aus Haiti, das gegen den Willen von Gemeindemitgliedern der Kirche St. Kunigundis just in dieser Kirche ausstellt, steht (auch) in dieser Tradition.

Der Sonderband zur docucumenta fifteen, den das Kunstforum auf den Markt warf, meint eine Spannung sehen zu müssen, wo bei den Künstlern selbst Einheit lebt. «Hier treffen haitianische Kunstwerke und christliche Darstellungen spannungsgeladen aufeinander», weiß das Magazin zu berichten und erwähnt den Künstler, der diese und weitere Skulpturen mit echten Totenköpfen, gigantischen Penissen und skurrilen Klamotten, Kabeln, Metallresten, Lampen und knalligen Farben ausgestattet hat. Er heißt André Eugène und habe auf die Frage, ob die Skulpturen im Zusammenhang mit Voodoo stünden, «nur gelacht – selbsterklärend oder abwegig, das bleibt ungeklärt».

Die Sache müsste mit etwas Interesse nicht ungeklärt bleiben. Das Lachen des Künstlers war eine Verlegenheitslösung. Vermutlich merkte er, dass der oder die Fragende (Vorsicht: Kunstjournalisten) gar nicht wissen wollte, wie es sich wirklich verhalte mit der Glaubenswelt von kreolischen, meist dunkelhäutigen Menschen. Hätte er ein bisschen Zeit bekommen, um auf die Frage eine Antwort zu geben, hätte er nicht einfach nur gelacht. Vielmehr wäre herausgekommen, dass die Skulpturen unter anderem mit Voodoo, aber auch mit dem Christentum und weiteren spirituellen Energien zu tun haben. Künstler, die zur Zeit in St. Kunigundis ausstellen, unterscheiden nicht zwischen Ordnungen wie Katholische Kirche, Christus, Voodoo. Sie umgeben sich mit Geist und Geistern. Und der mächtige Geistbraus weht überall, wo Gott und die Götter mit ihren Abkömmlingen über und unter der Erde, außerhalb und innerhalb der Menschenleiber ihre Freuden, Leiden und Energien ausleben. Diese Welt, die in so frohgemut wirkenden Schädeln wie dem oben abgebildeten zum Ausdruck kommen, sind für die, die mit ihnen leben, der Beweis dafür, dass noch nicht einmal vom Diesseits und Jenseits als von zwei spannungsgeladenen Zuständen gesprochen werden muss. Für Künstler, die zu Atis Rezistans gehören, gehen Leben und Tod ineinander über. Wie Gut und Böse, Geist und Materie, Abtrieb- und Auftrieb, überhaupt Trieb. Bei ihnen gehen alle Triebe ineinander über, so sehr, dass keine dieser Primärenergien durch Anstand, Erziehung oder Verbote unausgelebt die Seele und den Geist belasten.

Menschen, die so zu leben verstehen, haben wirklich Grund, Freude am Leben zu haben, egal ob sie wirklich leben, wie wir sagen würden, oder als Skelette im Raum der Ewigkeit leben, der uns nicht vom Diesseits trennt.

Gruß