d15 – Am Markt vorbei

Kennt jemand den Erstling von Otto Jägersberg namens Weihrauch und Punmpernickel mit dem Untertitel Ein westphälisches Sittenbild. Witzige Anekdoten, freche Anspielungen, deftige Sprache. Las sich leicht, amüsante Lektüre, vielleicht unnötig, dass es geschrieben wurde, aber wenn es schon in einer Bücherkiste vor einem Haus im Quartier, wo wir wohnen, auslag, hab ich’s halt gelesen.

Als ich nach Beendigung der Lektüre auf dem  Buchrücken las, wer was dazu gesagt hatte, als es Mitte der 1960er Jahre neu auf den Buchmarkt gekommen war, merkte ich erst, was für ein beudeutendes Buch ich in Händen hielt. Gratulationen an den Verlag, der einen solchen Mann an Land gezogen hatte (Alfred Andersch), der ein solches Buch «mit vielen Vorzügen« (Erich Kästner) und «viel gewandter Derbheit» (Arno Schmidt) geschrieben hatte, ein Buch, das «die Gattung Heimatroman zur Dichtung erhoben» (Carl Zuckmayer) und noch einige weitere Weltrekorde aufgestellt hatte. Martin Walser: «Dieser Autor beweist, dass man nicht Silben registieren oder kunstgewerbliche Grausamkeiten fabrizieren muss, um ein Zeitgenosse zu sein.» Was will man mehr erreichen?!

Bevor ich diese Kommentare gelesen hatte, dachte ich: Musste dieser Schmonzes geschrieben werden? Hat da jemand was davon, so wirklich meine ich? – Danach dachte ich ganz anders: Potztausend, ein bedeutendes Buch! Kein Wunder, dass Jägersberg nach seinem Erstlich bei Diogenes ein knalliges Buch nach dem anderen auf den Buchmarkt warf.

Und noch etwas dachte ich, beziehungsweise ich dachte es nicht so sehr, sondern spürte es wie ein Gefühl, das meine Knochen-Innenwände traktierte, ich dachte: Im Hintergrund des Kunstmarkts, sei es der Markt der Literatur, der Musik oder der bildenden Kunst und Malerei, im Hintergrund lauern die Trüffelsucher und schwenken das Champagnerglas. Sie sind auf Neues aus und was ihre Gaumenfreuden befriedigt, wird auf direktem Weg nach oben in die Charts und Bestsellerlisten geblasen.

Sinnträchtiges Beispiel für einen perfekt funktionierenden Kunstmarkt sind die Leute, die sich hinter dem afroamerikanischen Künstler Jean-Michel Basquiat in Stellung gebracht hatten. Sie verkauften oben in der Galerie seine noch nicht fertig getrockneten Bilder, die er unten im Keller unter Drogeneinfluss produzierte, Bilder, die heute mit zweistelligen Millionenpreisen gehandelt werden.

Auch wenn solche Auswüchse des Kunstmarkts längst noch nicht vorbei sind (sie sind durch Corona noch auswüchsiger geworden und die Künstlerinnen und Künstler haben noch besser gelernt gegeneinander zu arbeiten), auf der documenta fifteen spielen sie schlichtweg keine Rolle. Das macht manches sehr viel einfacher. Viele sehen in der Entwicklung zu dieser documenta eine Fehlentwicklung. Manche von ihnen wünschen sich auch die Haie des Kunstmarkts herbei. Eine Weltkunstschau kann doch nur mit ihnen funktionieren und Highlights bringen. 

Gut, der Preis dafür, dass die Lobby des Kunstmarkts nicht mitredet, ist manchmal recht hoch. Hier ist die Ecke hinten rechts im Hübner Areal abgebildet, gestaltet vom Kollektiv Trampolin House. Linkes Bild Zustand heute, rechtes Bild Zustand vor einigen Wochen. Das Schild Make Love not RACIST LAWS ist verschwunden, wohin auch immer, die Pappe ist keinen Cent wert. Dafür sind neue Tafeln hinzugekommen, siehe linkes Bild, Tafeln, die das dänische Asylrecht kritisieren. Alles nicht sexy und nicht vergleichbar mit der Basquiat-Ausstellung vor 12 Jahren in der Fondation Beyeler (mir bleibt vor Ergriffenheit und Begeisterung noch immer das Herz stehen, wenn ich daran zurückdenke), aber dass die Honoratioren des Kunstmarkts auf dieser documenta nichts zu sagen haben, ist mit Phänomenen verbunden, die sonst nicht beobachtet werden können.