d15 – Aneinander vorbei

Sie winken mit ihren Theorien aneinander vorbei. Das wäre nicht schlimm, wenn ihnen bewusst wäre, wie unbedeutend ihre eigenen Theorien sind und wieviele davon das Universum verträgt.

Taring Padi am Hallenbad Ost, Ausschnitt aus einem so genannten Wimmelbild

Die Diskurse und der Aktionismus der Tage überschlagen sich. Das hinterlässt auch im Umgang mit der documenta sichtbare Spuren. Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich diagnostiziert den «Anfang einer tiefen Spaltung in der Kunstwelt«. Damit meint er den Titanenkampf zwischen den Autonomisten in der Kunst wie Bazon Brock oder Jonathan Meese und den Kulturalisten wie die weit über 1.500 Künstlerinnen und Künstler der documenta.

Eine andere wohl ebenso unüberwindliche Spaltung gibt es zwischen den Befürworterinnen und den Gegnern eines Expertenteams, das auf wissenschaftlicher Grundlage die Frage antisemitischer Bildsprache auf dieser documenta untersuchen sollte.

Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräseindet des Internationale Auschwitz Komitees und Maram Stern, Vizepräsident des jüdischen Weltkongress, stellen sich hinter die Erkenntnisse des Expertenteams und werfen der documenta Versäumnisse und Zysnismus vor. Maran Stern verlangt eine Entschuldigung von der Politik, «und das jetzt und nicht erst in 50 Jahren». 

Anders die Findungskommission, die seinerzeit ruangrupa für die Kuratierung der documenta fifteen ausgewählt hat. Sie hat sich hinter ruangrupa, das gesamte Künstlerteam und die Leitung der Ausstellung gestellt und gab in einer Pressemitteilung bekannt: «Wir lehnen Antisemitismus ebenso ab wie dessen derzeitige Instrumentalisierung, die der Abwehr von Kritik am Staat Israel und seiner derzeitigen Besetzungspolitik palästinensischer Gebiete dient.»

Auf allen Seiten grassieren sträfliche Vereinfachungen. Leider, aber nicht erstaunlich. Was die Expertise des Expertenteams betrifft, hat Marion Detjen in Zeit online am 18. September klare Aussagen gemacht. Ihrer Meinung nach haben die Expertinnen und Experten komplett versagt. Grund dafür sei ihre viel zu simple Weltanschaunng. Sie sähen in den Bildern nur das, was schon in ihren Köpfen war, als noch niemand von ihnen auch nur eins der zu beurteilenden Bilder gesehen hat. Die Analyse von Marion Detjen lässt keinen Stein auf dem anderen. Nix «Gütesiegel», wie von einem solchen Gremium zu erwarten wäre, vielmehr lauter «Vorverurteilung», das ist ihr Fazit. Das Germium habe seinen Auftrag missverstanden. Statt ergebnisoffen mit der Brille der Wissenschaft die in Frage stehenden Dinge zu erkunden und zu befragen, um daraus abgeleitet später Empfehlungen für die Politik zu formulieren, habe es sich selbst als Moralinstanz aufgespielt und Empfehlungen ausgesprochen, die keiner objektiven Metanalyse standhalten würden.

Als ich das las, atmete ich sieben mal tief durch und fragte mich dann, ob es nicht doch noch Hoffnung auf die Möglichkeit anfänglicher Verständigung gebe, auch und gerade auf dieser documenta fifteen?

Herzlich