d15 – Viel zu viel «Anti»

Viel Antihaltung bläst zur Zeit um das Phänomen Weltkunstausstellung documenta Kassel drumherum. Das war immer schon so und auch in diesem Jahr ist das so. Im Vorfeld der diesjährigen documenta gibt es allerdings noch mehr Antihaltung als in den Jahren davor. Langsam wächst sich die Sache zum permanenten Vor-Frust aus. Die kommende documenta wird zunehmend politisiert und das mit unsanften Zungen, fürwahr. Leider wird keine oder eine viel zu zögerliche Kunstdebatte geführt. Statt dass ästhetische Fragestellungen bewegt werden, dominiert der politische Schlagabtausch. Jetzt fordert der Zentralrat der Juden ein Expertengremium, das über die Kunst wacht.

Nicht nur kritische Menschen, auch die Natur reagiert anscheinend darauf: Als wollte sie das Phantom, den Abgrund, das Zerwürfnis rund um die Antisemitismusfrage am Leben erhalten, entdeckte ich bei meinem letzten Spaziergang durch die Innenstadt auf der Oberfläche des letzten, im Sommer 1987 gesetzten Basaltsteins der 7000-Eichen-Aktion, dass das elegant, aber leider recht ungekonnt übermalte, vorübergehend unsichtbar gemachte Hakenkreuz, das ein 30-jähriger Mann am 10. Mai auf den Beuysstein gemalt hatte (siehe mein Betrag vom 11. Mai 2022), von Neuem sichtbar geworden ist und vor dem Haupteingang des Fridericianums in den Himmel strahlt:

Es sieht ganz danach aus, dass sich die Menschen, die vom Thema betroffen sind, an einen Tisch setzen und miteinander reden müssen. Alles andere bringt nichts. Selbst das von einem Wirrling hingemalte und dann von einem Ordnungsmann übermalte und nun wieder neu sichtbar gewordene Hakenkreuz auf dem Beuysstein schreit danach, dass die Sache nicht unter den Tisch gekehrt werde. Es wäre nicht das erstemal, dass ein Dialog auch in dieser heiklen Angelegenheit gelingen kann. Dies allerdings nur, wenn Schritte an den gemeinsamen Tisch unternommen werden. Marshall Rosenberg und Thich Nhat Hanh haben bewiesen, dass der Dialog zwischen Israelis und Palästinensern möglich ist und sogar ästhetische Dimensionen annehmen kann. Auch der Jude Dan Bar-On hat einen solchen Dialog mit Betroffenen geschafft. Wieso sollte es die so gründlich auf das Soziale geeichte ruangrupa von der documenta fifteen nicht auch schaffen?!

Klar, sie müssten nach vorne gehen, Stellung beziehen, das müsste sie wirklich, sonst wird sie von der Wirklichkeit überrollt.