d15 – Begriffsbestimmungen

Tropische Hitze vor dem Fridericianum. Dort wo sonst der Rasen grünt, starrt eine braune Fläche ins glasige Sonnenlicht. Verbrannte Erde.

Ich habe nun schon wiederholt die Frage gehört: Was würde Joseph Beuys zu dieser documenta sagen? Mir geht es anders, ich habe diese Frage so nicht. Ich frage nicht nach Beuys, sondern begrüße ihn, den Beuys, an jeder Straßenkreuzung. Er ragt überall in diese documenta herein, sowohl auf den Wegen zwischen den Standorten als auch bei den Standorten selbst.

Ich begrüße in Beuys einen Menschen, der Begriffe aufeinander bezogen und daraus neue, stringente Begriffszusammenhänge abgeleitet hat. Ich bewundere bei ihm, wie er diese dann in Handlunbsabläufe gebracht hat. Denken und Tun war bei ihm in guten, kräftigen Händen. Er hatte bereits vor einem halben Jahrhundert die Entwicklung der gesellschaftlichen Bedingungen so klar vorausgedacht, dass wir heute davon schlichtweg ‹profitieren›. Vielleicht sehen wir längst noch nicht alles, was er damals visioniert hat, aber was auf obigem Bild alle sehen können, sind zwei Bäume, zwei einzelne, auf weiter Flur allein stehende Bäume. Sie wurzeln auf einem historischen Platz, dem Friedrichsplatz mitten in der Stadt Kassel. Und spenden kühlen Schatten. Das merken die Menschen, die auf die documenta gehen, und stellen sich aus Eigennutz, um die Hitze besser zu ertragen, in diesen einen und einigenden Schatten der ersten und letzten Beuyseiche. Manche von ihnen werden den Namen «Beuys» nicht mehr kennen. Aber sie lassen es sich im Schatten der von ihm gepflanzten Bäume gutgehen.

Zwei Fragenkomplexe schließen sich mir auf:

Erster Komplex: Hätte ich damals, als er davon sprach, in Kassel als documenta-Beitrag Bäumen zu pflanzen, hätte ich das damals verstanden? Hätte ich mir die Mühe gemacht, seine durchaus extrem komplizierten Gedanken mit- oder nachzudenken? Hätte ich ihn damals ignoriert? Hätte ich etwas von seiner Bedeutung mitbekommen? Hätte ich verstanden, was es mit Beuys und diesen Bäumen für eine Bewandtnis hat?

Zweiter Komplex: Bin ich bereit, so über die gegenwärtige documenta zu gehen, dass sich Fragen auftun? Dass ich Zusammenhänge suche? Zukunftsvisionen entdecke? Unterschiede zwischen den einzelnen Kollektiven und ihren Arbeitsweisen? Das neue an dieser documenta, bin ich aufgeschlossen dafur? Bin ich bereit, das, was Beuys damals forderte und was die documenta fifteen in noch extrem gesteigerter Form ebenfalls fordert, nämlich meine bisherigen Begriffe neu zu ordnen, zu ergänzen, anders aufeinander zu beziehen, bin ich bereit, das zu tun?

Tja, wer liest das alles, was ich da sage und schreibe und frage? Ich weiß es nicht. Doch was ich weiß, ist, dass mich alle diese Fragen etwas angehen und ich, wenn ich sie betrachte, im Abgrund meines eigenen Spiegels zu verschwinden drohe.

Gruß,