d15 – Beschreibung oder schon Urteil?

Links die Lebensgemeinschaft Lebensbogen, rechts das Kollektiv ruangrupa

Sind Kollektive der Feind des Individuums? Je nach dem sind sie es, oft sind sie es nicht. Die Lebensgemeinschaft Lebensbogen vom Dörnberg bei Kassel war auf der vergangenen documenta vertreten. Diesmal habe ich sie noch nicht entdeckt. Würde ich sie noch tun – und die Chance ist da, denn auch die mit der d15 kooperierenden Kollektive in und um Kassel nehmen zu –, wären andere Menschen auf dem Foto abgebildet als noch vor fünf Jahren. Die Gemeinschaft hatte Abgänge und neue Zugänge. Und sie hat einen Stamm alter Gemeinschaftsmitglieder, die oft auch die Pioniere sind und alles in die Entstehung dieser Gemeinschaft gegeben haben, alle Träume, alles Geld, die komplette psychosoziale Mitgift.

Das Kollektiv ruangrupa ist erst diesmal vertreten. Seine geistige Handschrift ist so kräftig, dass sie überall erlebbar ist. Die Mitglieder sind seit langer Zeit zusammen. Wir hören, sie würden nicht nur zusammen leben, sondern auch das Geld miteinander teilen und auf der ganzen Länge füreinander da sein. Manche würden das Kollektiv aus Indonesien lieber als «Killektiv» bezeichnen, denn sie sehen in den «ruangrupas», wie der Kasseler Oberbürgermeister die Mitglieder nennt, Killer der Künstlerautonomie, Killer der Regeln, nach denen der Kunstmarkt sonst funktioniert, Killer der Debattenkultur, auf die man in Deutschland so stolz ist, Killer dessen, was es an Übersicht, Vorgabe und Kontrolle für eine Ausstellung dieser Größe angeblich dringend braucht, Killer letztlich der demokratischen Spielregeln, die in unseren Breiten herrschen, und allerletztlich Killer der Kunst selbst.

Solche Äußerungen sind keine exakten Beschreibungen, sondern Urteile, gefällt auf einem Hintergrund, der so unkonkret ist, dass diese Urteile nur als Teil der Debattenkultur, nicht aber als eine Charakterisierung von ruangrupa genommen werden können. Prophylaktische Ohrfeigen, sie erinnern mich an Streitereien zwischen Eheleuten, die beide in der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg geschult sind und sich mühselig durch Schritt eins dieser vierstufigen Methode durcharbeiten. Die Luft ist dick, man könnte sie abschneiden. Beide haben einen dicken Hals und sind der Überzeugung, dass sie, wenn sie etwas sagen, nur beschreiben, was Sache sei. Ihre «Beschreibungen» lauten etwa so: «Du bist immer so destruktiv!», «Du lässt mich nie ausreden!» Wehrt sich die Gegenpartei und sagt: «Ich bin nicht destruktiv, das ist eine Behauptung.» «Nein, ich beschreibe nur, wie du bist», sagt der oder die andere – und so in infinitum. An der Krux, dass nicht zwischen Beschreibung und Beurteilung unterschieden wird, krankt diese Methode, beziehungsweise kranken alle diejenigen, die diese Methode anzuwenden versuchen und diese wahrlich schwere Unterscheidung einfach noch nicht hinbekommen.

Wie herzerfrischend aufschlussreich und lebensrelevant wäre es, das Zustandekommen der Lebensgemeinschaft Lebensbogen so lange zu erkunden, bis ihre Geschichte, ihre Impulse, ihre Einzelmenschen, ihre Träume, Nöte, Freuden, Erfolge zu vibrieren beginnen und sich aus diesem Bemühen wie von selbst langsam ein Bild absetzte, vielleicht auch ein Gefühl.

So mit einem Kollektiv umzugehen wäre fair. Vermutlich nur so!

Bei einem solchen Vorgehen unterscheidet sich ein Kollektiv von einem Individuum nur dadurch, dass es noch viel schwieriger beschreibbar ist als ein einzelner Mensch, sei er Handwerker, Dienstleister oder Künstlerin. Und so gesehen unterscheiden sich alte Kollektive von neu gegründeten, Kollektive aus Indonesien oder Afrika würden als etwas ganz anderes erkannt als ein Kollektiv aus Dänemark oder Berlin. Hier gut hinzuschauen lohnt sich.

Vieles auf dieser documenta wartet noch immer darauf, mit der nötigen Hingabe, Könnerschaft und Differenzierung betrachtet zu werden. Allen voran die einzelnen Kollektive.

Es gibt Imker, die am Summen eines Bienenkastens erkennen können, welches Bienenkollektiv da drin an der Arbeit ist. Lasst uns von den Imkern lernen…