d15 – Besinnungsloses Besinnen

Heute herrscht wegen der documenta Unruhe in den Medien. Die Lokalzeitung berichtet von polizeilicher Aufrüstung zur Eindämmung rechter Invektiven gegen bestimmte Documentastandorte und die für diese Standorte vorgesehenen Kollektive. Da wichtige Standorte auch außerhalb der geschützten Ausstellungsräume stehen, sind jetzt manche Künstler_Innen, die dort arbeiten, verunsichert. 

Nun hat sich heute in Zeit Online die deutsche Künstlerin Hito Steyerl zu Wort gemeldet. Sie fühlt der Geschichte der documenta auf den Zahn und dies, wie mir scheint, mit dem ausgefeilten Handwerkszeug eines gestandenen Zahnarztes, ich meine einer gestandenen Kunsthistorikerin. Wenn die documenta eine Zukunft haben solle, «wäre es spätestens jetzt an der Zeit, vom überheblichen Paradigma der Weltkunstschau Abschied zu nehmen und eine Phase der Reflexion zu beginnen», schreibt sie. Wenn ihre Betreiber_Innen dies nicht tun würden, werde diese Ausstellung nicht mehr länger Geschichte schreiben, sondern sie werde «sonst selbst Geschichte». Was das heißt, zeigt die Aufarbeitung des Lebens von Werner Haftmann, der bis vor kurzem als der «akademische Taktgeber der ersten drei documentas» berühmt war und nun, durch entsprechende Recherchen wissenschaftlich belegt, als SA-Partisanenjäger entlarvt worden ist, der anscheinend nicht nur von der Ideologie des Nationalsozialismus überzeugt, sondern auch ein Sadist und einiges mehr war, was seine Nazivergangenheit angeht. Steyerl fragt, wo das Team sei, «das überhaupt in der Lage wäre oder Interesse daran hat», die Herausforderung einer Aufarbeitung anzunehmen.

Nun, es scheint nicht nur dieses Team nicht zu geben, es gibt noch nicht einmal allgemeine Gesprächsgrundlage, auf deren Fundament ein differenzierter, von divergierenden Parteien gewünschter Diskurs stattfinden könnte. Die Filmemacherin, Autorin und Professorin Hito Steyerl argumentiert kompromisslos und scharf und stellt unangenehme Fragen: Hat sich die documenta in unserer heutigen Welt schlichtweg überlebt? War es je eine Weltkunstausstellung? Handelt es sich um einen regional aufgepoppten Bedeutungsträger ohne wirkliche Bedeutung? War der Weltkunst-Jargon letztlich «ein ziemlich dreister Entwurf für einen westdeutschen Soft-Power-Nachkriegsimperialismus»? Im Hintergrund solcher Frage stehen die noch frischen Entarvungen über Haftmann. Plötzlich steht für viele – Historiker_Innen genauso wie Künstler_Innen – fest, dass die documenta immer auch ein «Instrument der Verschleierung» war, da «viele der Gründer Mitglieder einschlägiger Naziorganisationen waren». Deshalb die Anspielung auf den westdeutschen Soft-Power-Nachkriegsimperialismus. Steyerl bemerkt dazu noch: «Wenn man die Welt schon nicht mit Panzern erobern konnte – vielleicht mit Kunst?»

Das klingt hart. Doch es ist eine engangierte Antwort auf ein Versäumnis, das Versäumnis der mutigen, ehrlichen Aufarbeitung. Die steht aus, und solange sie aussteht, muss mit Einfällen aus ganz unerwarteten Richtungen mit ganz unabsehbaren Folgen gerechnet werden. Und was schon jetzt, gerade heute, das Tagesgeschehen ausmacht, ist Verunsicherung, Wut, Ohnmacht. Das wird nicht mehr so leicht vom Tisch gewischt werden können. Ein documenta-Besuch wird sich trotz alledem lohnen, zu viel KnowHow ist bereits in das Gelingen der Veranstaltung gesteckt worden, ob das Ganze nun eine Weltkunstausstellung ist oder nicht.