d15 – Bestätigungsjargon oder Horizonterweiterung?

Die Kommentare zur documenta fifteen pendeln zwischen Bestätigungsjargon und Horizonterweiterung hin und her. Letztere hat die d14 für ein Verständnis der d15 umfassend geleistet. Unter «Bestätitungsjargon» verstehe ich die Wiederholung bereits gefällter Urteile, egal was an neuen Wahrnehmungen hinzukommt. Dieser Jargon ist hartnäckig und oft bissig bis bösartig, jedenfalls lebensfern. 

Harald Kimpel, der über die Geschichte der documenta promoviert hat, bestätigt zur Halbzeit der Ausstellung, was er schon vor ihrer Eröffnung ausgesprochen hat. Einer «Wiedergeburt der doumenta aus dem Geist des Kollektivs» mit ihrer «Phobie vor dem Einzelgängertum» sah er schon im April dieses Jahres skeptisch entgegen. Damals kritisierte an den Kuratoren ihren «Willen zu umfassender politischer und ökologischer Korrektheit», sprach gar von «Greenwashing» und «retrograder Exotisierung», von «agrarromatischer Bodenständigkeit» und «nostalgischer Ernte-Rhetorik».

Der Kunstgeschichtler ist bei seiner Sicht geblieben und meint, ruangrupa und ihre Verbündeten würden auf Kosten der Ästhetik Gesellschaftspolitik betreiben. Kimpel spricht weiterhin von einem «ästhetischen Elend» und einer «programmatisch entkunsteten Ausstellung», trauert dem «Erfolgsmodell einer allein verantwortlichen künstlerischen Leitung» nach und moniert, dass es seit ruangrupa nicht mehr um Werke, sondern nur noch um kollektive Prozesse gehe. 

Kimpels Kritik ist nachvollziehbar, nachreden muss ich sie ihm deshalb noch nicht. So richtig Bauchweh bekomme ich allerdings, wenn ich höre, dass er, zusammen mit Politikerinnen und anderen kunstfernen öffentlichen Personen, eine «Einordnung der Arbeiten», also Kontextualisierung fordert. Die Besucher sollen in erster Linie lernen und verstehen, das ist die Parole dieser Tage, der sich auch Harald Kimpel anschließt, während er den documenta-Machern gleichzeitig das Fehlen von Ästhetik vorwirft. Ist ihm denn nicht bewusst, dass sich Ästhetik und Wisssensvermittlung/Lernen/Kontextualisierung in aller Regel mächtig beißen?!

Ich finde – mal wieder – auf einer der Säulen vor dem Fridericianum eine Antwort auf das Problem: Entweder trauern wir großer Kunst nach wie etwa Charles Baudelaires Les Fleurs du Mal (Die Blumen des Bösen). Oder wir kümmern uns um einen normalen, für möglichst viele Menschen lebenswerten Alltag. Einen solchen kennen inzwischen mehrere Milliarden Menschen nicht mehr. Sie bedürfen dringend einer bescheidenen Grundausstattung anfänglichen Lebenskomforts, um überhaupt ihre Kreativität entfalten zu können. Wie das gehen könnte, wird von manchen der auf der documenta zusammengekommenen Kollektive auf eindringliche Weise gezeigt.

Gruß