d15 – «BEYOND POLITICS»

Der Kommentar von Mark-Christian Busse in der heutigen Hessischen Allgemeinen Zeitung zum Besuch letzten Samstag von Frank-Walter Steinmeier zeigt die Stärke, die Lokalredaktionen haben können, wenn ihre Redakteur_innen vor Ort sich kundig machen. Busse muss sich gründlich auf der documenta umgeschaut haben. Vielleicht deshalb kam er zu ganz anderen Schwerpunkten und Urteilen als Steinmeier.

Dan Perjovschi hat an einer der Säulen vor dem Fridericianum zwei Politiker als Strichmännchen hingemalt. Sie tragen Krawatten und sitzen an einem Tisch. Vor ihnen sind Namensschildchen und Mikrofone aufgestellt. Rechts im Bild bückt sich ein Mann ohne Krawatte und schaut unter den Tisch. Dazu hebt er den Saum des Tischs auf. Wir haben nun die Freiheit zu imaginieren, dass unter dem Tisch beispielsweise NICHTS sei. Oder Dreck. Oder die Wahrheit. Da ist die Interpretation ganz frei.

Busse schaut in seinem heutigen Kommentar sozusagen unter die Tischdecke der Rede von Herrn Steinmeier und schreibt, der hohe Politiker habe «der documenta Antisemitismus unterstellt – der jedoch in der Ausstellung selbst, die zum Zeitpunkt seiner Rede ja für Fachbesucher geöffnet war, nicht zu entdecken ist.» Was den Stil der Rede betrifft, sieht Busse im Gestus des Bundespräsidenten das Gehabe «eines Schulleiters, der aufsäßige Teenager zurechtweist.» Harte Worte von Regionalebene in Richtung Bundesebene.

Ich vermute, Herr Busse war wütend und seine Wut kam daher, weil er, im Gegensatz zu Herrn Steinmeier, die Fachbesuchertage vor der offiziellen Eröffnung intensiv genutzt hatte, um sich einen Eindruck von der Ausstellung zu verschaffen. Viele Politiker und Prominente dürfen von Herrn Busse lernen. Erst wenn sie sich, wie er, mit einer Sache gründlich vertraut gemacht haben, sollten sie so vollmundig reden, wie manche von ihnen zu reden leider so sehr gewohnt sind. Tun sie dies nicht, gerät die Politik immer mehr in den Verdacht, dass «beyond politics» nichts als das große NICHTS ist.