d15 – Grenzen der Bildsprache

Diese Wand zeigt fünf nebeneinander laufende Filme von Menschen, die in Lebensgröße dasitzen. Manche stehen, andere gehen. Kiri Dalena thematisiert in dieser Videoinstallation, die im Hübner Areal zu sehen ist, das Thema «Warten» im Zusammenhang mit Corona. Eine unendliche Bilderflut zu genau einem Thema, mit dem wir alle seit gut zwei Jahren vertraut sind, gleich ob wir zur ersten oder dritten Welt dazuzählen und egal ob atheistisch oder religiös, reich oder arm.

Ganz anders die Bilderflut im Hallenbad Ost. Die einzelnen Bilder stammen aus anderen Zeiten und anderen Kulturen. Und jedes Bild verweist auf verschachtelte Zusammenhänge, die der Betrachter und die Betrachterin nicht kennen. Die Bilder müssen, um sie zu verstehen, kontextualisiert werden. Als Kunstgenuss ist das uncool. Die allerneuste «Skandalentdeckung» bezüglich eines dieser Bilder ist, nachdem sich Taring Padi und auch ruangrupa schnell zu Wort gemeldet haben, eine Ente. Das Männchen mit abgedeckter Mütze stellt keinen Juden dar und seine Kopfbedeckung ist keine Kippa. Der Nachwuchs des jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) hätte einfach nur bei der documenta-Leitung nachfragen müssen. Das hat dieser Nachwuchs nicht getan und stattdessen einen neuen Skandal gesucht. Dies wird nun in den Medien kritisiert. Damit erklingen in der deutschen Antisemitismusdebatte neue Töne. Endlich, sagen manche.

Was fälschlicherweise als Kippa in die Schlagzeilen kam, bildet, wie wir lernen dürfen, «eine in Indonesien von muslimischen Männern getragene Mütze ab, die so genannte Hajj-Mütze», und wie wir weiter erfahren, werden solche Mützen «von einer Figur des beliebten indonesischen Puppenspiels Wayang getragen – diese Figuren, Weltkulturerbe, sind unter anderem gekennzeichnet durch ihre markanten, schnabelartigen Nasen.» Soviel zur frisch veröffentlichten Kontextualisierung. Und zur Abklebung der Mütze hier noch die Bemerkung, dass diese erfolgte, um, nachdem der Streit um das Banner Peope’s Justice entbrannt sei, Missverständnissen vorzubeugen.

Wenn Bilder zu viel wollen und wenn ihre Aussage eine politische Anklage ist, dann passiert das, was Taring Padi nun schon wiederholt passiert ist: Es kommt unweigerlich zu Missverständnissen und Animositäten. Ein Künstler, den ich gestern in Kassels Innenstadt traf und mit dem ich über dieses Problem sprach, meinte, das sei die Quittung dafür, wenn man glaube, extrem komplizierte Sachverhalte mit einfachen Bildern verständlich machen zu können. Deshalb ärgert er sich über die, wie er meint, Selbstüberschätzung im Umgang mit Bildern, die er nicht nur bei Taring Padi, sondern auch bei anderen Kollektiven auf dieser documenta zu erkennen meint.

Deshalb zurück zur Arbeit von Kiri Dalena. Das darin dargestellte Warten in Coronazeiten ist deshalb unverfänglich, weil alle damit Erfahrung haben. Vielleicht nicht gleich wie die Menschen in dieser Videoinstallation, die nach einem harten Lockdown auf den Philippinen viele Stunden anstehen, um, wenn sie Glück haben, ein halbes Kilo Reis zu erhalten. Doch gerade deshalb, weil auch bei uns so etwas hätte passieren können, gehen wir mit diesen Aufnahmen mit, sind einfühlsam und in unseren Herzen solidarisch mit diesen Menschen, die etwas können, was die meisten in der hektischen westlichen Welt längst verlernt haben und sehr schwer und nur sehr langsam wieder lernen (müssen): Warten.

Um uns das Betrachten des Wartens möglichst bequem zu machen, liegen im abgedunkelten Raum im Hübner Areal bequeme großformatige Sitzkissen aus, auf denen wir relaxen, ausatmen, uns wohlfühlen können. Das klingt jetzt ein bisschen ironisch, ist es aber nicht. Die Leitung dieser documenta ist einfach überall bemüht, dass es den Besucherinnen und Besuchern gut geht.

Gruß