d15 – Bohnern auf sinkendem Schiff

«Es ist etwas erschütternd Zweideutiges in der Eifersucht, mit der die Überlebenden auf dem alleinigen geistigen Eigentumsrecht am Holocaust bestehen,» schreibt Imre Kertész in seinem Essay Wem gehört Auschwitz? Und fährt fort: «Als wäre ihnen ein einzigartiges, großes Geheimnis zugefallen. Als bewahrten sie einen unerhörten Schatz vor dem Verfall und – ganz besonders – vor mutwilliger Beschädigung.»

Diese Worte des jüdischen Autors sind mutig, doch nicht differenziert genug. Es gibt Überlebende des Holocaust und Überlebende des Holocaust, das gehört hier noch dazu. Er, Kertész, hat selbstverständlich die jüdischen Überlebenden im Blick gehabt. Ihnen mal so richtig einzuheizen und sie aus der Komfortzone der Opferrolle herauszuholen sah er als seine Aufgabe an. Ensprechend scharf wurde er von ihnen kritisiert.

Doch es gibt auch noch andere Überlebende des Wahnsinn der deutschen Faschisten. Etwa die Roma und Sinti. Obige Europakarte hängt zur Zeit auf der documenta, Standort Fridskul, zweite Etage. Oben links auf dem Bild eine Anleitung, wie die Karte zu lesen ist. Ganz einfach, die lachenden heiteren Gesichter stellen Roma und Sinti dar, sie sind über ganz Europa gleichmäßig verteilt. Unten im Bild steht «Gypsys everywhere». Der halb abgebildete Bus links verweist auf ihre Präsenz, es ist die Präsenz und Nichtpräsenz auf vier Rädern, ein Zustand punktueller Anwesenheit bei weitgehender Abwesenheit. 

Man soll nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, und ebensowenig Juden mit «Gypsys». Doch manchmal denke ich, dass uns die überlebenden Roma und Sinti des Holocaust etwas Großartiges vorleben, Lebensfreude neben Trauer, Freigeistigkeit, Musik, Feiern, Unterwegssein ohne alle die Privilegien einzuklagen, die das festgefahrene Besitzbürgertum um sie herum für sich stündlich einfordert. Großartig, irgendwie, diese lebenfreudigen, nicht nachtragenden Menschen, die, everywhere in Europa zerstreut, ohne besondere Rechte, ohne eigenen Staat, ein unangepasstes Leben führen.

Bin ich jetzt dem Cliché der Exotik verfallen? Ich weiß nicht recht.

Doch was ich recht sicher weiß: Der Spiegel hat dem deutsch-jüdischen Bemühen um Dialog für Jahre, vielleicht Jahrzehnte einen negativen Stempel aufgesetzt, indem er die documenta als Antisemita bezeichnete. Was für eine Häme, Dummheit, Feigheit und Hinterlist. Als könnte sich das angezählte Magazin dies leisten. Haben denn die Macherinnen und Macher des Spiegel keinerlei Bewusstsein, was es geschlagen hat? Kein Gefühl dafür, dass sie wie Matrosen auf Deck eines sinkenden Schiffes die Planken schrubben, während die Spitze des Schiffs schon in den Abgrund zeigt und sie wegen der sekündlich zunehmenden Schräglage jeden Moment auf den gebohnerten Planken davonrutschen könnten, um für ewig in den unermesslichen Tiefen des Ozeans zu verschwinden?

Gruß