d15 – Das Narrativ der Geschichtsschreiber

Die Reihe der vergangenen documentas war für mich Nachhilfe bei Themen, die meine Geschichtslehrer und ihre Lehrer zu unterrichten vegessen hatten – beziehungsweise vergessen machten. Ihre Geschichtsinhalte orientierten sich an der Tradition des Siegernarrativs. Da in Europa während Jahrhunderten machthungrige Ausbeuterstaaten gelebt hatten, wurden viele ‹Siege› errungen und dementsprechend eine lange Geschichte der Sieger geschrieben. Ihr Narrativ des Imperialismus, des Kapitalismus und der Kriegstreiberei war so verbreitet, dass es als die Geschichte verstanden wurde. Lange wussten unsere Lehrer gar nicht, dass es noch andere Narrative gibt. Und weil sie es nicht wussten, entging auch uns das Meiste. Erst ganz langsam sickern Ergänzungen durch. Manche sehen eine Umkehr voraus.

Die jetzige documenta ist weniger neu als dass sie in direktem Zusammenhang mit den vorangegangen Ausstellungen steht. Arnold Bodes Ursprungsidee, nach dem Krieg jene Kunst auszustellen, die im Krieg verboten war, hat sich fortgesetzt bis zur jetzigen documenta, nur mit dem Unterschied, dass heute manche der Verantwortlichen dieser Weltausstellung vom behäbigen, selbstgefälligen Leben in Deutschland bis zur Unkenntlichkeit vereinnahmt sind und dadurch nicht mehr den Blick frei haben für das, was durch ihren Lebensstil unterdrückt oder ausgenützt wird in anderen Ländern. Wir sollten uns nicht nur über die nazilastige Vergangenheit einiger Documentapioniere aufregen, sondern vielmehr darüber erschrecken, wie borniert und eng der deutsche Blick heute noch ist, wenn im gegenwärtigen Tun das Fremde angeschaut und mit ihm ein Umgang gefunden werden soll – oder darf.

Die Idee mit den Kollektiven ist Teil einer Antwort auf die Tendenz deutscher Selbstverliebtheiten. Was Ade Darmawan in seiner Rede vor dem Bundestagsausschuss bezüglich der Dritten Welt darstellte, wäre eine Chance zur Selbstkorrektur. Doch die Selbstverliebtheit geht weiter, vor allem in der Berufssparte der Politikerinnen und Politiker. Die, die im Bundestag bei der Anhörung dabei waren, haben von Darmawans Worten genauso wenig aufgegriffen wie ihre sämtlichen anderen Berufskolleginnen, nämlich bisher noch gar nichts. Wie gut, dass Kunst auch bedeutet, dass sich Horizonte weiten – und weiten müssen. Das gilt auch für das Verständnis der Kunst der Kollektive, denen auf dieser documenta der Kampf angesagt wurde. Der Kampf gibt den Kritikern das Gefühl, erfolgreich zu sein wie es ihre Geschichtsschreibung in ihren Augen immer schon war. Das kann abstoßen, kann Fatalismus provozieren. Und es kann uns auch Anlass zur Freude sein. Ich jedenfalls habe meinen Spaß daran, auf der Seite derjenigen, die die documenta verbieten oder dominieren wollen, so viele naive Köpfe zu sehen. In ihrer Naivität reden sie ständig von der Naivität der anderen.

Auch die neuerdings durchwegs als «Starkünstlerin» gehypte Hito Steyerl, die doch vor allem eine «Steyerkünstlerin» und vor allem eine Spielverderberin ist, besticht trotz ihres komplizierten Werkalphabets und ihrer differenzierten Sprache vor allem durch eins, nämlich durch Naivität. Den fehlenden Teamgeist dürfen wir ihr nicht nachtragen, der ist bei berühmten Künstlerinnen und Künstlen allgemein wenig ausgeprägt. Doch dass sie an eine reinmenschliche Wahrheit glaubt, der sie, die sich wie wenig andere geschickt und erfolgreich in die Chefetagen der Kunstlobbys und des Kunstmarkts hochgearbeitet hat, meint ohne Abstriche treu bleiben zu können, das sollte angemerkt werden. Ist das nicht naiv? Ist nicht Befangenheit, in die sie verstrickt ist, der eigentliche Ausdruck ihres Tuns? Meint sie wirklich die Gewichte bestimmen zu können, wo sie doch als Spielball eines hegemonialen Kunstmarkts agiert, in dessen Namen sie irgendwelche konstruierten Moralwerte zu retten versucht? Kein Wunder, dass ruangrupa sie nicht eingeladen hat, für sie war die Künstlerin einfach nicht interessant genug, weil sie in ihren Augen nicht das Zukünftige, sondern das Alte vertritt. Als sie dann doch von einem Kollektiv eingeladen worden war, das ruangrupa auf die documenta geholt hatte, akzeptierte ruangrupa diese Tatsache mit dem gleichen konzilianten Schweigen wie ihr von lautem Medienspektakel verfolgtes Ausscheiden, das, wie viele Medien verkündeten, zum Ende der documenta mit beitragen würde.

Die endgültige Geschichte über diese Dinge ist noch nicht geschrieben, herzlich,