d15 – Verpasster Dialog

 

«Wenn du sprichst, wiederholst du nur, was du eh’ schon weißt», sagt der Dalai Lama. In der Schule, in Vorträgen, überall werden wir darauf trainiert, flinke Gedanken zu haben und wirkkräftig zu reden. Doch wo nur bekannte Gedanken gebildet werden, sind wir noch weit vom Denken entfernt. Und wo nur zuhört wird, um den rechten Augenblick für die eigenen Argumente abzuwarten, ist kein Dialog möglich.

Im Zusammenhang mit dem Antisemitismusvorwurf, der dieser documenta anhaftet, gibt es das Bedürfnis nach Parteienbildung und Statements. Entsprechend kurzatmig sind diese Statements dann leider auch. Statt Austausch nichts als Downloading bekannter Positionen. Solange wir so miteinander umgehen, ist Diskussion das einzige, was wir hinbekommen, doch Diskussionen schaffen meist nur Distanz, Zwist, Zerwürfnis. Das vielgestaltige Erkunden einer Sache bleibt auf der Strecke. Statt dass nachgedacht wird, sagen die Leute «Ja, aber». In solchen Settings werden Erinnerungen hochgefahren, Überzeugungen rausgehauen, Urteile gefällt. Das verhindert neue Einsichten. Wer nicht zuhört, öffnet dem Streit Tür und Tor.

Ich habe noch nie Menschen erlebt, die wie ruangrupa zuhört und sich für die Impulse anderer interessiert haben. Dass so viel Streit um sie herum ist, kann einfach nicht an ihnen liegen.

Der oben erwähnte Spruch des Dalai Lama lautet in ganzer Länge: «Wenn du sprichst, wiederholst du nur, was du eh’ schon weißt. Wenn du zuhörst, kannst du unter Umständen etwas Neues lernen.» Zuhören ist der Schlüssel zum Dialog. Die Kunst des Zuhörens vermeidet, dass wir mit Meinungen Punkte gewinnen wollen. Absichtslos zuzuhören bedeutet eine Verschiebung des isolierten Hirndenkens in andere Regionen des Organismus. In der letzten Riesenversammlung im ruru-Haus saß ein Großteil von ruangrupa vor an (nicht auf) der Bühne. Nicht nur ihr Zuhörmodus, auch die entspannte Körperhaltung aller, die da an den Bühnenrand lehnten und mit Worten zurückhielt, ließ mich erstaunen und innerlich aufatmen. Nicht von ruangrupa kommen die großen Statements, sondern noch immer von anderen, egal ob Feinde oder Freunde dieser  documenta. Wie kommt es dann, dass ruangrupa eine solche Karriere gemacht hat? Es liegt wohl an ihrer Kunst zuhören zu können. 

Dialoge sind keine Settings, wie sie im Deutschen Bundestag durchgeführt werden. Wo zwischen Menschen die Kunst des Zuhörens geübt wird, beginnt die «Intelligenz der Herzen» zwischen uns zu wirken. Im Antisemitismusstreit rund um die documenta würde das bedeuten, dass die einen aus ihren vererbten Schuldgefühlen und die anderen aus ihrer Opferfalle herauszutreten bereit wären. Der Streit verwandelte sich in ein Gespräch, die Beteiligten könnten sich neuen Verstehensräumen öffnen und ihre alten Überzeugungen überwinden. So würden alte Beengungen abfallen und neue, am Gegenüber erfahrene Gefühle und Gedanken entstehen.

Wer in sich die Intelligenz des Herzens weckt, stößt «zu der Quelle des Werdenden» vor, wie der Sozialwissenschaftler Otto Scharmer diese Stufe des Gesprächs bezeichnet. Auf dieser Kommunikationsebene lassen wir uns durch Begegnung verwandeln, um «Platz für eine Lichtung zu machen, durch die sich eine andere Zukunftsmöglichkeit vergegenwärtigen kann». Der Eklat um die documenta bietet schon lange die Chance, an diesem Gap einen Schritt zu tun. Er wird nur von wenigen getan. Die Angst bei den meisten ist zu groß. Und dann gibt es da noch dieses geile Machtgefühl. Das müsste ebenfalls losgelassen werden, um gemeinsam weiterzukommen. Alle diese Angebote ab es auf der documenta und gibt sie immer noch. Herr Steinmeier hat noch immer die Chance, sich zu entschuldigen. Ich bete, dass er es tun möge, wissend, dass dieser engherzige Nikolaus der Nation es nicht tun, beziehungsweise einfach verschlafen wird. Werden wir sie ergreifen?