d15 – Die Aborigines und ihr Land

Das Aktionszelt der Aboriginal Tent Embassy auf dem Friedrichsplatz ist ohne Ticket zugänglich. Der Film, der in diesem Zelt läuft, zeigt unter anderem Filmmaterial mit der Patina der 1960er Jahre. In der Zeit, als auf der ganzen Welt das Neue gegen das Alte ausgespielt wurde, wurde auch in Australien heiß debattiert und der zum Gespräch bereite Verbalgegner kräftig in die Mangel genommen.

Ein Ausschnitt zeigt junge Aborigines, die nach einem gegen sie gerichteten Parlamentsbeschluss der australischen Regierung auf die Straße gehen und lauthals für ihre Rechte kämpfen. Manche von ihnen sehen aus wie Fans von den Beatles oder Rolling Stones. Weit ausgeschnittene Hosen, lange Haare, Flower Power und Bier. Sie streiten mit einer australischen, nicht nur in die Jahre gekommenen, sondern auch aus der Figur geratenen Lady, in akkurat teurer Kleidung, mit firsch gemachter Frisur. Sie steht, die Demonstranten um sie herum liegen und fläzen herum und schimpfen. «Wir wollen unsere Rechte zurück», schreien sie, «unser Land, unsere Kultur». Selbstbewusst erklären sie, dass sie besser mit der Natur umzugehen verstünden als die Australier. Und sie rechnen der alten Lady, die, aufrecht wie die Queen von England, für die Interessen ihrer Landsleute dasteht, vor, was die Regierung den Aborigines an Geld schulde – eine kaum in Worte zu kleidende, dem Verstand sich entziehende, gigantische Summe.

«Wer hat euch nur diesen Blödsinn in den Kopf gesetzt», fragt die alte Dame standfest in die Runde. Der Streit zwischen den ungleichen Welten scheint auszuarten. Während ich in dertropischen Hitze unter dem Zelt stehe und hingucke, denke ich, das geht jeden Moment in die nächste Eskalationsstufe. Es sah wirklich so aus, als würden die Parteien von der Ebene des Wortes auf die Ebene der Taten springen. Demnächst würden die jungen Männer, gnadenlos in der Überzahl, die Frau niederreißen und verprügeln. Schrecklich. Einer von ihnen hatte sich bereits auf seine Beine geschwungen. Sein Gesicht berührte fast das der Frau. Doch die Eskalation schraubte sich nicht hoch, und die standfeste Australierin wich vor den Bier trinkenden Männern auch nich zurück. Die entrechteten jungen Männer beklagten weiterhin mit vielen Worten ihr und das Leid ihrer Stämme – und die reich aussehende Autralierin wollte weiterhin verstehen, wie diese ahnungslosen, bubenhaft wirkenden Jungs zu ihren Ansichten kämen. Der Streit war trotz der krassen Unterschiede der Akteure und trotz des dramatischen Hintergrunds von gegenseitiger Achtung, ja Wertschätzung getragen.

Beweisen die vielen Dokumente, die es zur Zeit in Kassel überall zu sehen gibt, dass nicht nur die Schwarzen in Südafrika, sondern überhaupt viele Menschen aus dem Globalen Süden zu streiten, sich zuzuhören und zu vergeben bereit sind? Anders, großherziger als wir im Norden?! Gehört auch ruangrupa in diese Reihe, die künstlerische Leitung der diesjährigen documenta? Sie haben zum Streit um ein Bild, das inzwischen deutschlandweit als antisemitistisch konnotiert gilt, Stellung bezogen, indem sie öffentlich um Entschuldigung bitten. Während Kunstgeschichtler zu beweisen versuchen, dass das Bild nicht anitsemitisch zu interpretieren sei, und während die verschiedenen deutschen politischen Parteien nach Sündenböcken jagen und Absetzungen von Politikerinnen anderer Parteien fordern, stellen sich die ruangrupas hin und bitten um Entschuldigung bei allen Menschen, die durch das, wie ich finde, leider abgehängte Riesenwandbild auf dem Friedrichsplatz verletzt worden seien.