d15 – Der Besuch der Habenichtse

Was sehen wir auf diesem Bild? In den Medien wird nur das eine gesehen, nämlich eine «Überschreitung der roten Linie» in der Kunst. Die Politikerinnen und Politiker sprachen von «entsetzlicher Verfehlung» und «grässlicher Bildersprache», kurz, in den Medien wurde im Zusammenhang mit diesem etwa hundert Quadratmeter großen Banner, das zu Beginn der documenta vor der Documentahalle an einem riesigen Gerüst hing und unter teils Applaus, teils Protesten und allgemeinen Tränen längst wieder abgebaut ist, während seine ehemalige Anwesenheit weiterhin die Gemüter bewegt, bisher fast nur von Antisemitismus gesprochen.

Die eigentliche Aussage des Bildes konnte erleben, wer in den Tagen, als das Bild noch hing, dort vorbeikam (wir hier in Kassel sagen es immer wieder: Man muss hinfahren zur documenta, um mitreden zu können 😉). Im Vordergrund ist ein Teil der Pappfiguren abgebildet, die vor dem Riesenbanner einzeln auf der vertrockneten Wiese standen, hunderte Figuren, fragil in dürrer Landschaft stehend, jede für sich ein Anblick des Elends, wacklige Kartonkonstruktionen mit schreienden Kindern drauf, entrechteten Tieren, Frauen mit aufgerissenen Körperteilen, auch Zombies und Fabelwesen, die als Soldaten und Kapitalisten posierten.

Schon nach wenigen Tagen waren viele der Figuren durch Wind und Wetter beschädigt, teilweise umgeknickt, ein Bild des Jammers. Immer mehr von ihnen lagen hilflos am Boden, noch jämmerlicher anzusehen als in der ehemaligen Aufrechte. Für Berenike und mich war das ein Bild für die Menschen, die keine Lobby haben auf dieser Welt. Solche Menschen waren im rechten Teil des Banners abgebildet, in Korrespondez zu den Pappfiguren vor der mit Wellblech aus einem Slum nahe Nairobi eingekleideten Documentahalle.

Wer die diesjährige documenta schlechtmachen will, preise die Ästehtik, die bei der vergangenen documenta auf dem Friedrichsplatz geherrscht hat. Mir geht es anders, ich kann mit der jetzt präsentierten Ästhetik etwas anfangen. Kann – konnte, denn das Banner ist abgehängt, die Pappfiguren sind weg, der ganze Platz ist von dieser Schande, wie es nun heißt, gesäubert. Nur, was ist hier die Schande? Die Schande ist, dass dieses gigantische Schaubild und die Aussage der Pappfiguren weg mussten, weil sie einseitig interpretiert wurden.

Der Begründer des Rettungsschiffes Kap Anamur und der Grünhelme, Ruppert Neudeck, sprach von den Schmuddelkindern. An sie erinnerte der Ort, den das Kollektiv Taring Padi gestaltet hatte. Neudeck sprach auch von den Habenichtsen auf diesem Globus und meinte die vielerorts geknechteten Menschen aus dem Globalen Süden. Die Habenichtse bräuchten unsere Hilfe, sagte er oft, sie bräuchten unseren Handschlag. 

Den kriegen sie nicht, noch nicht, jetzt auf dieser documenta kriegen sie ihn nicht. Vielmehr werden sie von einflussreichen Leuten als Bedrohung empfunden. Taring Padi, das Künstlerkollektiv, das sich den Klassenkampf auf die Fahne geschrieben hat, wurde zu einem Kollektiv von Rassisten erklärt. Das ist mehr als Etikettenschwindel, das ist Ausdruck für den Blick der Mächtigen im Globalen Norden auf die Dritte Welt. Wer wie sie auf das oben dargestellte Bild schaut, interpretiert die auf dem Banner abgebildeten und die vor dem Banner aufgestellten Fguren in ihrer maximalen Hilflosigkeit maximal falsch.