d15 – Differenzierungen

Tania Bruguera kann auch mal die Faust machen. Ihr Leben als kubanische Künstlerin fühlt sich machmal an, als wäre ihr der Mund zugeklebt. Die durch ihre Aktionen international bekannte Performerin ist die Tochter eines Vaters, der Revolutionskämpfer und Diplomat war, und einer Mutter, die als Übersetzerin arbeitete. Kein Wunder, dass sie ein differenziertes Betrachten der Dinge pflegt. Wie wohltuend klingt ihre Stimme, die sie in diesen Tagen in Monopol, dem Magazin für Kunst und Leben, erhob.

Bruguera ist eine der vielen Künstlerinnen auf dieser documenta. Sie steht als Mitglied des Kollektivs Instar (Instituto de Artivismo Hannah Arendt) komplett hinter ruangrupa. Und ebenso hinter der Entfernung des Banners von Taring Padi zu Beginn der documenta. Das ist schon ein leichter Widerspruch. Doch die Künstlerin wird noch mit ganz anderen Widersprüchen fertig. Die Dinge sind heute alle nicht mehr einfach, im Gegenteil, sie sind verflixt kompliziert. Dem müssen wir uns stellen. Sonst lernen wir nichts hinzu. Verlangen wir uns doch bitte überall die nötigen Differenzierungen ab! Unser Organismus ist kompliziert! Unsere Gedanken und Gefühle sind es! Und die documenta ist es ebenso!

Vom Publkum erwartet die Kubanerin, dass es Verantwortung übernehme, «sich darüber zu informieren, was an unseren Orten passiert». Statt auf Kontextualisierungen zu warten, sollen wir uns schlau machen, die Chance nutzen, unsere festen Meinungen über die Kubaner, Chinesen, Kurden, die USA oder die Europäer zu ergänzen. Wir sollen uns auf Augenhöhe mit den präsentierten Ländern und ihren Problemen begeben. Brugueras Botschaft ist klar. Sie traut dem Individuum viel zu.

Auf die Frage, ob sie für diese documenta ihren Namen geopfert, ja, ob sie nicht den Tod ihres Künstler-Egos erlebt habe, antwortet sie, die Kritik von Bazon Brock elegant vom Tisch wischend:  «Auf jeden Fall. Und das war schon lange notwendig. Ich sage nicht, dass es ausschließlich und immer so sein sollte, aber es ist diese Art und Weise, die sich im Moment am besten eignet. Wo hat uns das Konzept des Genies hingebracht? Hauptsächlich zu sehr wenigen Menschen, die sehr reich wurden und andere beherrschten.»

Die umtriebige Künstlerin, die zusammen mit dem Kollektiv, unter dessen Flagge sie fährt, alle paar Tage die documenta-Halle umkrempelt, sieht die hundert Tage in Kassel als Arbeit an, der sie sich jeden Tag mit voller Energie hingibt. Auch das ist vorbildlich und charakterisiert neben Instar auch viele der anderen Kollektive.

Zum Schluss des Gesprächs kommt noch das Thema «Antisemitismus» auf den Tisch. Was ich als Besucher in erträglich homöopathischer Auflösung erfuhr, dass nämlich Freunde und Verwandte, die wir nach Kassel einluden, aufgrund ihrer einseitigen Informationen plötzlich einen Zusammenhang zwischen mir und dem Antisemitismus wittern zu müssen glaubten, allein weil ich begeistert von einzelnen Standorten berichtete, erlebten die ausstellenden Künstlerinnen und Künstler, die einerseits froh waren, auf einer so renommierten Ausstellung wie der documenta dabei zu sein, andererseits dadurch nun aber stigmatisiert wurden, in einem weit umfassenderen und oft erschütternden Ausmaß. «Plötzlich mussten wir alle befürchten, als antisemitisch abgestempelt zu werden,» berichtet Bruguera, «weil wir in dieser Ausstellung waren. Das ist etwas, das man sein ganzes Leben lang mit sich herumtragen muss. Wir haben nicht dieselbe Geschichte wie Deutschland, und wir haben nicht dieselben historischen Schulden, aber wir wurden in diese Debatte hineingezogen.»

Herzlich