d15 – Differenzierungen

Filmausschnitt aus animal spirits von Hito Steyerl und die Künstlerin selbst in beige (an der Straßenecke)

Den Film hat sie von der documenta zurückgezogen. Sie wolle nicht Teil einer antisemitischen Veranstaltung sein, begründete Hito Steyerl diesen Schritt. Damit sei, so Ulrike Knöfel vom Spiegel, einer der «beliebtesten Beiträge» und nota bene ein «Gesamtkunstwerk» von der Bildfläche der documenta fifteen verschwunden.

Gestern zeigte die Künstlerin ihren Streifen im Film Shop in Kassel. Damit war ein kleiner konspirativer Kreis zusammen, denn auch die Leute dieser Videothek haben ihre Kooperation mit den Betreibern der documenta gekanzelt.

Wir waren zeitig zur Vorstellung da, bekamen jedoch keinen Eintritt. Ausver-schenkt (freier Eintritt bei nur wenigen Plätzen). Kein Problem, der Film werde wiederholt, hieß es, und Hito Steyerl wiederholte dann freundlicherweise und völlig unprätentiös auch ihre gerade eben gehaltene Ansprache. Super, dachte ich. Funktioniert echt gut im Vergleich zu vielen Veranstaltungen der documenta, die gar nicht stattfinden – und wenn, dann nicht dort wo sie angekündigt wurden und auch nicht mit den Figuren, die auf der Ankündigung standen. Die Veranstaltung im Film Shop hingegen fand statt, der angekündigte Star war vor Ort und kümmerte sich um das Publikum.

Steyerl gilt als differenziert denkende Filmemacherin. «Differenzierung» ist ein Lieblingswort von ihr. Tatsächlich beinhaltet animal spirits verschiedenste Schichten und verschlungene Themenstränge. Ob der Film deshalb besonders differenziert sei, darf dennoch gefragt werden. Und dass er «witzig» sei, wie die Künstlerin in ihrer Ansprache, für einmal kurz lächelnd, betonte, steht für mich ebenfalls zur Frage – der flapsige Umgang mit Hirten und Bauern und Kühen und Schafen, wie er den Film von Anfang bis Ende durchzieht, erinnerte mich an Klamauk, nicht an ein Gesamtkunstwerk.

Und dann habe ich noch eine Frage. Sie geht an Hito Steyerl direkt. Wie sie gestern in der Erzbergstraße 12 sprach, war von großem Ernst getragen und hat mich beeindruckt. Die Künstlerin wehrt sich existentiell gegen jede Form von Anitsemitismus. Wer weiß, was sie alles erlebt hat im Zusammenhang mit der documenta fifteen? Doch wenn sie schon im Juli aus Protest ihre Zelte abgebrochen hat, und wenn sie ruangrupa bis heute fehlende Dialogbereitschaft vorwirft, wo ist da bei ihr selbst Differenzierung erkennbar? Und wo hat sie zum Dialog beigetragen?! Was sie ruangrupa vorwirft, hat sie zuallererst sich selbst vorzuwerfen.

Gruß