d15 – Doch eine politische documenta?

Zu meiner Frage vorgestern, was die roten Zeichen auf den Beuyssteinen bedeuten, ist bisher keine Antwort eingetroffen. Vielleicht finde ich direkt bei den Steinen jemand, der oder die mir Aufschluss geben kann. Jedenfalls das ist klar, wir sollte alle möglichst Bescheid wissen, was für Symbole auf der und rund um die documenta herumgeistern.

Diese Tafel hängt im documenta-Pressezentrum. Der mit Sitzgelegenheiten und Tischchen ausstaffierte Raum lädt zum Verweilen ein. Er ist nach indonesischen Straßencafés benannt: warung kopi. «Als gemütliche Treffpunkte sind warung kopis Räume, um Gemeinschaft zu finden, zu schreiben, zu lesen, zu reden oder sich die Zeit zu vertreiben,» stellen sich die freundlichen Betreiber_innen des Pressezentrums vor.

Als ich kürzlich drin war, saß ein junger Mann an einem Cafétischchen und las ein Buch. Ich schaute zweimal hin. Das konnte doch nicht wahr sein, es war Goethes Faust. Der Mann trug ein documenta-T-Shirt und gehörte zum Team. «Was machen Sie denn da,» ulkte ich, «das geht ja gar nicht. Dieses Buch eines weißen Europäers aus Deutschland, das passt null zur documenta!» Im Buch waren verschiedenfarbige Einmerker eingeklebt. «Wir schreiben in drei Tagen eine Klausur,» sagte der junge Mann, noch Schüler an einem der hiesigen Gymnasien, «und ich muss mich noch ein bisschen vorbereiten.» – Na, immerhin einer, der eine mir vertraute Kulturarbeit macht, dachte ich.

Die kleine Tafel an der Wand gefiel mir. Gestern, als der Streit um das Antisemitismusfiasko alles andere verdrängt hatte, weil ein Bild abgehängt und die Abhängung von Leuten vor Ort mit den widerstreitendsten Kommentaren begleitet worden war, geisterte der Satz in meinem Hinterkopf herum: «Of course I don’t have answers.» Auch ich habe sie nicht, selbstverständlich nicht. Wahrscheinlich hat sie niemand.

Wenn der weitere Prozess um diesen Streit in ein erkundendes Fahrwasser geraten könnte, was die Hoffnung vieler ist, dann würde vielleicht die eine oder andere Antwort aussprechbar werden. Vorerst gibt es die Fragen! Und diese müssen vorurteilsfrei angepackt werden. Nicht vom Standpunkt der Rechthaberei, sondern im besonnenen Dialog. Leider, wie dies in so aufgeladenen Situationen meist der Fall ist, überwiegen zur Zeit nicht die Frager_innen, sondern wo man hinschaut bleffen die Bescheidwisser, die Antwortgeberinnen, die Fachleute. 

Wie sagte der Dalai Lama: «Wir haben genügend Fachleute auf der Welt. Was wir jetzt mehr brauchen, sind Menschen.» Menschen, die miteinander reden, Fragen formulieren und gemeinsam den langen Weg der Antwortfindung gehen. Es kann ja doch nicht sein, dass Künstlerbilder angehängt werden. Und es kann auch nicht sein, dass jüdische und mit dem Judentum besonders verbundene Menschen nicht mehr zur documenta fahren können, weil sie Angst haben.