d15 – Die documenta im Bundestag

In meiner Auseinandersetzung mit Renate Riemeck stieß ich auf einen Aufsatz, den sie in einer von der Bundesregierung ausgerichteten Schrift veröffentlicht und in der sie gefordert hatte, im Schulunterricht nicht nur die Geschichte der USA, sondern genauso die Geschichte der UdSSR zu unterrichten. Dies und einige weitere Spitzen gegen die damalige Adenauerregierung genügten in der Zeit des Kalten Kriegs, dass daraus ein Skandal wurde. Drei Jahre lang war Riemecks Aufsatz kein Problem. Als dann die dritte Auflage dieser Schrift erschien, da muss jemand auf den Text geschaut haben, der sofort Alarm schlug. Die Wellen schlugen hoch und das Ende der Geschichte war, dass von Bundesebene aus ein Kontrollgremium geschaffen wurde, das  die Aufsätze, die in dieser Schrift erschienen, fortan auf problematische Inhalte hin zu untersuchen hatte.

Vielleicht deshalb konnte ich heute die Anhörung der Verantwortlichen dieser documenta fifteen im Deutschen Bundestag fast nicht ertragen. Vielleicht aber auch deshalb, weil ich, zusammen mit Berenike, viel in das Zustandekommen von Dialogen inverstiere und von Dialog so gar nichts entdecken kann, wenn sich Abgeordnete im Bundestag ihre Reden voller Gift, Galle und Argwohn um die Ohren hauen. Da ich mich als arges Sensibelchen einstufe, bin ich von solchen Auftritten regelmäßig ziemlich überfordert. 

Ade Darmawan war, finde ich, nicht überfordert. Er war bei der Anhörung persönlich in Berlin anwesend und vertrat das Kuratorenteam ruangrupa. Er sprach auf Indonesisch, eine beeindruckende Sprache. Und eine beeindruckende Rede. Schade, dass niemand von diesen rhetorische dermaßen geschulten Politikern, die ihn anhörten, auf das einging, was er dargestellt hat. Ob sie es nicht wollten oder nicht konnten, können  nur sie selbst entscheiden.

Was zu entscheiden allerdings durchaus möglich ist, ist die Frage, wie die Antisemitismusdebatte weitergehen muss. Es ist gut, dass sie geführt wird. Sie zeigt uns, wie die Verantwortungsträgerinnen Deutschlands, ob sie nun im Bundestag oder in den Feuilletonredaktionen sitzen, in Zukunft nur noch mitreden können, wenn sie aus ihrem Schuldtrauma heraustreten. Und auch Juden, die in der Debatte kräftig mitreden, dürfen nicht mehr länger in der Opferfalle feststecken. Dass beide Parteien nicht aus ihren Rollen heraustreten, weil sie es nicht können oder, denke ich manchmal, auch nicht wollen, genau deshalb läuft die Sache in immer den gleichen ausgetretenen Bahnen. Das darf nicht das letzte Wort sein – und die Kunst sorgt dafür, dass diese Stufe vielleicht überwunden werden wird.

Denn ob gewollt oder ungewollt (man wirft ruangrupa gerne Naivität vor, während die Naivität der Politiker und Zeitungschreiberinnen irgendwie unerkannt zu bleiben scheint), Ade Darmawan und sein Kollektiv geben uns die Chance, die Antisemitismusdebatte voranzubringen und zwar auf eine menschliche Begegnungsebene, auf der wir einander zuhören.