d15 – Du würdest verstehen

Sonntag. Ich bin auf dem Weg zum documenta-Standort Hübner Areal jenseits der Fulda im Osten der Stadt. Das Handy klingelt. Für meine Gänge über die documenta habe ich es stets dabei. Um Fotos zu machen. Ich nehme ab. Sonntaggrüße aus der Schweiz. Meine Mutter ist weit über neunzig und rundum rege. Ich sei auf dem Weg zur documenta, sage ich. Ah, das habe sie fast vermutet. «Und Du?», frage ich. «Ich gehe nicht auf die dodumenta», höre ich sie am anderen Ende lachen, «das ist auch gut so, ich würde sowieso nichts verstehen.»

Meine Mutter hat keine höhere Schulbildung und unterschätzt ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten seit über siebzig Jahren. Ich lasse ihr ihre Überzeugung und wir reden von anderen Dingen. Doch wenn ich jetzt darüber nachdenke, hätte ich ihr sagen sollen: Du würdest diese documenta gut verstehen, Mutter, sehr gut, denn Du hast Dich ein Leben lang auf das vorbereitet, worauf sich auch die Verantwortlichen dieser documenta vorbereitet haben. Du hast die Bibel studiert. Das haben die Kuratorinnen und Kuratoren der documenta eher nicht getan. Aber eure Ergebnisse sind die gleichen.

Im Neuen Testament geht es um all die Werte, die auch von den Ausstellungsmacherinnen und Ausstellungsmachern hoch und heilig gehalten werden. Wenn Du heute mit mir auf der documenta wärst, würdest Du erleben, wie freundlich die Menschen miteinander umgehen, wie sie andere an ihren Sachen teilhaben lassen, wie sie sich füreinander interessieren. Du wärst von den Künstlerinnen und Künstlern angetan, die ihre und die Not ihrer meist armen Länder darstellen, nicht um anzuklagen, sondern um zu zeigen, wie sie sich gegenseitig helfen, um miteinander ein lebenswertes Dasein teilen zu können. Das Vertrauen, das Du sonst den anderen Menschen entgegenbringst, wird für einmal ungefragt auch Dir entgegengebracht. Du hättest Freude daran. Es würde Dir ans Herz rühren. Wenn Du miterleben würdest, wie die Menschen, deren Kunstwerke Du kennenlernen würdest, alles miteinander teilen und sich gegenseitig sowohl Vertrauen als auch Wissen, Können und eigene Habe schenken, würdest Dich wohl an Deine Kindheit und Jugend zurückerinnern. Die war so, dass Du und Deine armen Bergbauernkinder-Geschwister auf einem kleinen Hof, der zwischen abschüssigen Berghängen hing und ohne Maschinen bewirtschaftet wurde, alles in die Gemeinschaft hineingegeben habt, im Wissen, dass dies das Leben der anderen erleichtern, erheben, verschönern würde.

 

An einer der Fridericianum-Säiulen steht das heftig umkämpfte Wort «Gender» in einer etwas anderen Schreibweise, ergänzt durch die zwei Buchstaben «AP». Das lässt sich folgendermaßen lesen: Zwischen dem gigantischen Kampf der Geschlechter gibt es einen «GAP», also eine Differenz oder Lücke, die über diesen Kampf hinausführt, ihn befriedet und ihm ein Ende («END») bereitet. Das Wortspiel hat biblische Dimensionen. Du kennst sie. Vielleicht wärst Du beim Betrachten der Buchstaben nicht selber darauf gekommen, aber ein paar erklärende Worte würden genügen – und Du hättest alles verstanden. Auch den Begleittext dazu hättest Du verstanden, liebe Mutter, er lautet:

«Es ist eine Not, wenn diese documenta an einem einzigen Zugang festgemacht werden würde. Es gibt so viele ‹Anti›, für die wir zu kämpfen, so viele Gemeinschaften, die wir zu bilden haben.»

Ja, auch das würdest Du selbstverständlich verstehen. Obwohl Du ein Familienmensch bist und uns alle, Deine Kinder, Enkel und Urenkel in Dein Gebet schließt, geht Dein Horizont weit über den Familienzusammenhang hinaus und schließt alle Menschen mit ein. Du schaust keine Nachrichten mehr, weil Du den in ihnen stets neu entfesselte Geist des Streits, der Macht und der Missgunst längst abgelegt hast und stattdessen für Menschengemeinschaften einstehst, die sich nicht gegeneinander abschotten, sondern als Freunde suchen. Das ist das Ziel von ruangrupa, den neun Menschen, die mit der Botschaft nach Kassel gekommen sind, miteinander solche neuen Gemeinschaften zu bilden.

Willst Du nicht doch noch auf die documenta? Du würdest an ruangrupa und all den anderen und ihren Ideen Deine Freude haben!

Gruß, Dein