d15 – Sein Name steht für ein Programm

Das ist das Bild von Amar Kanwar. Er hat bei mehreren documentas mitgemacht. Das letztemal bei der vierzehnten mit einem Film über einen Naturwissenschaftler, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere alles hinter sich lässt, um ein Leben in Abgeschiedenheit zu führen. Dort, in schleichender Dunkelheit, beginnt er zu sehen. Dieser Film lief in großer Ruhe in der Neuen Galerie, wo sonst der Bär los war und eine große Flut von etwa 70 Künstlerinnen und Künstlern teils ziemlich laute Kunst präsentierte.

Für die documenta fifteen war er eines der acht Mitglieder der Findungskommission, die das Künstlerkollektiv ruangrupa zur Leitung der neuen documenta mit ausgewählt hat. Dieser Dokumentarfilmer, 1964 geboren, lebt und arbeitet in seiner Heimatstadt Neu-Delhi. In seinen Filmen geht es um Gewalt, doch die Filme selbst strahlen Ruhe und eine über alles erhabene Ästhetik aus, die keine Gewaltszenen darzustellen brauchen, um die Brutalität von Gewalt mit Bildern zu unterstreichen.

Amar Kanwar erzählte einmal, wie skeptisch er ursprünglich der Kunst-Großveranstaltung in Kassel gegenüber gewesen sei. Doch obwohl bei ihm der skeptische Blick überwiegt und so etwas wie der Motor seines künstlerischen Schaffens ist, hat sich der Inder mit den Möglichkeiten verbunden, die die documenta bietet. Den «Möglichkeiten», richtig, nicht gleich auch schon den «Tatsachen». Denn diese müssen erst geschaffen werden, konstruktive Tatsachen. Ruangrupa steht vor der Aufgabe, Möglichkeiten zu realisieren, die durch ihr Tun und Engagement Wirklichkeit werden.

Dass Amar Kanwar dies dem indonesischen Kollektiv zumutet, macht Freude. Der Mann ist alles andere als naiv oder gutgläubig oder realitätsfern. Allein schon in seinem Namen kommt zum Ausdruck, dass ihn die Pole «Liebe» und «Hass» – «Menschlichkeit» und «Unmenschlichkeit» – ganz direkt durch sein Leben begleiten. «Amar» deutet auf Lieben («amar[e]»). Der Nachname bietet sich für weitere Interpretationen an. Der erste Teil, «Kan» («can»), steht für «Können» oder für: «Möglichkeit». Die zweite Worthälfte lautet: «War» («Krieg»).

Die Pole, zwischen denen die diesjährige documenta steht, lauten «Liebe» und «Hass». Es ist wie ein Bild dafür, dass Liebe auch Krieg bedeuten kann und dies oft auch tut.

Amar Kanwar hat sich für ein Kollektiv entschieden, dem er eine menschliche Position zwischen diesen Extremen zuspricht, wobei, wie sein Name deutlich zeigt, die Sache mit dem LIEBEN an erster Stelle steht.