d15 – Etappenstopp

Bewegende Details, abgelegen positioniert wie hier in einem Nebenraum des Zwehrenturms im Fridericianums (wahrscheinlich haben diese intimen Bänder und den dazugehörigen Raum die wenigsten Besucher gesehen),

Wände voller Statements von aktiven Besucherinnen und Besuchern, hier ebenfalls im Fridericianum, aber auch sonst an vielen Standorten,

Außenansichten mit Objekten, die in ihrer Fremdheit das Auge anziehen und den Verstand bannen.

Wie es sich für eine Kunstausstellung von Rang und Namen gehört, begegnet uns das Intime und Befremdliche auch auf der documenta fifteen. Allerdings natürlich nur, wenn wir unsere Schritte mit Bedachtsamkeit aneinanderfügen und nicht ungestüm lospreschen, um große Kunst zu sehen, die uns ins Auge springt, noch bevor wir die Augen geöffnet haben.

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Nun sind vier Fünftel der Laufzeit verstrichen und ich habe Fragen:

Wars das? Wurden bisher tatsächlich konsquent all die großen Gesprächsangebote der Kuratoren und der von ihnen berufenen Kollektive abgelehnt, abgewendet, in den Wind geschlagen? Hat es der anonyme Blogbeitrag auf der Internetseite Bündnis gegen Antisemitismus Kassel geschafft, gegen die gesamte Laufzeit der documenta eine Welle der Empörung zu mobilisieren, die wie ein Tsunami die fein entwickelten, in jahrelanger Vorbereitung gepflanzten Begegnungsbiotope auf Nimmerwiedergutmachung hinweggefegt hat? Kam die Empörung von den Menschen, die sich diese Biotope angeschaut und intellektuell beackert, kurz, die die documenta fifteen gründlich besucht haben? 

Soll der jetzige Zustand der bleibende Eindruck von der documenta fifteen sein? Hat eine fatale Blickverengung von Anfang bis Ende den Diskurs bestimmt? Hat der Sonderband des Kunstforums recht, wenn er zur documenta äußert, der verengte und verkleinerte Blick habe «ihre mögliche Leistung, die Besonderheiten, das ganz Andere an ihr und das Surplus der fünfzehnten Ausgabe kaum oder gar nicht bedacht, begutachtet und diskutiert»?

Ist das, was an dieser documenta so überaus eklatant menschelt, vielleicht gar kein menschliches, sondern ein übermenschliches, nichtmenschliches Problem? Weil es nämlich Giftzwerge und Spaltpilze gibt, die in Wirklichkeit gar keine Menschen sind, sondern irgendwelche biestigen Zwischenwesen, die, wie schon bei Corona, stets nur um eins bemüht sind, nämlich um Spaltung und Verwirrung? Oder sind es gerade schlichtweg nur Menschen? Menschen, die in der Kunstszene dasselbe tun wie es sonst Strategen im Waffengeschäft tun, indem sie alles, was ihnen nicht passt, mit überdimensionerten Geschützen aus dem Weg räumen? Ist nicht längst bewiesen, dass ruangrupa nicht antisemitisch ist? Und Taring Padi, hat sich irgendeine Zeitung oder Journalistin darum gekümmert, was das eigentliche gesellschaftspolitische Anliegen von Taring Padi ist? Sind die Mitglieder dieses Kollektivs nicht genauso anti-antisemitisch wie ruangrupa?

Der Fragen nicht genug: Wird in Insiderkreisen tatsächlich schon ein Name für die künstlerische Leitung der nächsten documenta gehandelt? Eine aufrechte deutsche Antisemitin? Ein Paradepferd auf dem Parkett der deutschen Antisemitismusdebatte? Ein Star, der dafür sorgen werde, dass wieder bekannte Namen auftreten?

Klingt das nicht zu perfekt? Und vor allem, wie sollen die Früchte einer sechzehnten documenta aufgehen, wenn die Samen, die in der documenta fifteen gesät wurden, nicht geerntet worden sind?