d15 – Favelas

Menschen als Königinnen und Könige und Menschen als arme Leute vom Lande

In den Favelas von São Paulo wird getrauert. Und wie! Die Queen ist gestorben. Weil für die Armen das Fernsehen der reale Draht zur Welt ist, haben hier die Queen alle gekannt. Deshalb ist ihre Trauer groß. Das Vermögen der Queen ist auch groß. Die junge Königin setzte sie sich damals bei ihrer Krönung dafür ein, dass die stundenlange Zeremonie live im Fernsehen übertragen werde. Winston Churchill war dagegen. Die Sendung fand trotzdem statt. So wie die große Lady vor 70 Jahren auf der Weltbühne erschien, tritt sie nun auch ab.

Nicht nur alle anderen, auch ich bin ein bisschen traurig, aber über mich. Leider ist es bei mir so, dass ich für die Welt der Monarchen wenig Affinität habe. Ich weiß, es gibt auch da gute und schlechte, und ich kenne einige wenige gute. Dennoch, ich habe es sehr viel leichter mit einem Star wie Lionel Messi. Wenn der gefoult wird und 50.000 Menschen im Stadion vor Schmerz und Wut aufheulen, auch die Gegner seiner Mannschaft, dann kann ich das verstehen. Im Sport werden immerhin reale Leistungen gezeigt. Was für Leistungen aber zeigt das englische Könighaus? Das kann ich nicht abschätzen. Mir kommen aber auch keine Fragen. Das finde ich traurig.

Eine Frage jedoch habe ich, gerade in diesen Tagen und auf dem Hintergrund der Medienberichte über den Hingang der englischen Königin: Hat jemand in den Favelas etwas von der documenta fifteen gehört? Wenn ja, wahrscheinlich nur Negatives. Aber wahrscheinlich haben sie gar nichts gehört. Na ja, was sollen die Ärmsten der Welt sich für Kunst interessieren?! Da sind sie der Queen und Messi denn doch um Meilensteine näher.

In was für einer Welt müssten wir leben, in der die Medien weltweit zum Feiern aufrufen würden, zum Feiern über die Tatsache, dass auf einer der bedeutendsten Weltkunst-Ausstellungen Menschen ihre Geschichte erzählen, die in Favelas aufgewachsen sind und an Orten leben, wo Vertreibung und Unterdrückung an der Tagesordnung sind, Menschen, die Leid tragen und trotz täglicher Erniedrigungen und permanenter Ausbeutung lebenszugewandt geblieben sind. Menschen, die zusammen mit anderen zukunftstaugliche Ideen haben und sich um eine Welt kümmern, in der zu leben sie und unsere Enkelinnen und Enkel pure Lust verspüren. Sie sind in großer Menge in Kassel und werden nicht nur angehört, sondern von einem großen Publikum wertgeschätzt.

So zu reden sei naiv, höre ich. Lassen wir uns also in Ruhe, ich rede nicht mehr weiter und ihr nehmt es mir nicht übel, dass ich zur Zeit weder fernsehe noch Zeitung lese.