d15 – Ladehemmung

Für das analoge, in der brütenden Hitze um 11 Uhr vor dem Fridericianum wartende Publikum war die Eröffnung der documenta fifteen jämmerlich, ein richtiger Fehlstart. Zur angekündigten Uhrzeit trat Ehrengast Steinmeier vor die Fridskul, wie das Fridericianum ab heute für hundet Tage heißt. Er winkte kurz zur klatschenden Menge jenseits eines Sicherheitskorridors. Und das wars auch schon. Er ging, von Polizei begleitet in Richtung Documenta-Halle. Die Wartenden setzten sich in Bewegung und gingen parallel mit. Und dann verschwand der Herr Bundespräsident mit seiner Corona in der Halle. Und die war streng bewacht von Polizei:

  

Die Polizisten, die wir fragten, wussten auch nicht recht, was sie tun mussten und vor uns zu verteidigen hatten. Auch verstanden sie so wenig wie wir, wieso keine Übertragung für die hunderten von Interessierten stattfand, die zur Eröffnung da waren.

In der sicher geschützten Halle gab sich der Gast aus Berlin, der eben erst angekommen sei, wie in der Zeitung stand, kritisch. Irgendwie alles ok, weil es ganz so ablief wie sonst überall auch. Da kann ruangrupa noch so sehr auf andere Umgehensweisen der Menschen untereinander setzen, wenns draufankommt, läuft es so ab wie heute morgen auf dem Friedrichsplatz.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer, die mit der Liveübertragung aus dem Bunker (sozusagen) nicht zufrieden waren und bei dieser Hitze eine echte Begegnung mit Herrn Steinmeier und der Eröffnung gesucht hatten, standen unter sengender Sonne im Freien und schwitzten. Der Rasen war versengt wie die Steppe.

So sah der ‚Rasen‘ unter meinen Füßen aus. Viele Menschen, so viele, wie Platz hatten, standen dicht an dicht im ausladenden Schatten, den die zuerst und zuletzt von Beuys und Beuyssohn 1982 und 1987 gepflanzten Eichen inzwischen üppig spenden. Beuys antwortete damals auf die Schildbürgerfrage, warum er denn in Kassel, wo es doch so viele Bäume gäbe, so viele Bäume pflanze: «Ich muss die Bäume dort pflanzen, wo sie gut gedeihen. Denn bald wird es entscheidend wichtig sein, dass wir überhaupt noch Bäumen haben.» Das ‚Bald‘ von Joseph Beuys ist Wirklichkeit geworden. Die Menschen vor dem Fridericianum, die Herrn Steinmeier et al an ihnen vorbeihuschen sahen, haben die früh erklungene Prophetie von Beuys intuitiv in eine sichtbare Skulptur, eine Klimawandelskulptur, verwandelt:

Vom heutigen, irgendwie enttäuschenden Tag, der so gar nicht zu dem passt, was von der neuen documenta bisher sichtbar geworden ist, nehme ich die Frage mit: Würde ihm das Vergnügen bereitet worden sein, wie hätte Beuys die documenta eröffnet? Hätte er sich wegen dieses bisschen völlig unprofessioneller Antisemitismus-Debatte mit den Honoratioren hinter den Wänden des Fridericianums versteckt? Hätte er sich in der fußnahen Documenta-Halle verschanzt, um von dort aus, von Bodyguards gesichert, irgendeinen Livestream zu bedienen? Ich glaube, Beuys hätte bessere Ideen gehabt, mutigere.