d15 – Fragen stehen lassen

Bei uns hängt ein Bild an der Wand, eine Blindprägung von Peter Dietz. Man sieht im unentspiegelten Glas je nach Tageslicht vor allem sich selbst oder das Wohnzimmer oder den Garten, der durch das Fenster hereinwinkt. Wer gut hinschaut, sieht rechts oben im Bild die ins Papier gepresste Figur eines Hirschkäfers. Mehr ist auf dem Bild nicht zu sehen, und je nach Lichteinschlag sieht man auch keinen Hirschkäfer.

So was mag ich. 

Was ich ebenfalls mag, sind FRAGEN.

Ein großer Coup, vielleicht der größte, den ruangrupa bisher gelandet hat, ist die Tatsache, dass das Kollektiv die begehrte Liste mit der Veröffentlichung der teilnehmenden Künster_innen an der diesjährigen documenta im Straßenmagazin Asphalt publiziert hat, einer Zeitschrift, die durch wohnungslose, langzeitarbeitslose oder sonst bedürftige Menschen an Kassels Straßenecken und vor Läden verkauft wird. Die Veröffentlichung der List in dieser Zeitung war ein Sakrileg gegen den Kunstmarkt.

Die Vebindung zwischen ruangrupa und Asphalt ist geblieben. In der Zeitschrift ist seit über einem halben Jahr immer wieder Neues über die documenta zu erfahren. Die Straßenverkäufer_innen haben einen direkten Gewinn von den mehr verkauften Exemplaren (sie kriegen pro Heft die Hälfte des Verkaufspreises, das sind 1,25 EUR).

In der Juniausgabe dieser Zeitschrift steht auf der Titelseite: «LeserInnen fragen – ruangrupa antwortet. Exklusiv.» Eine der zwolf Fragen lautete, «mit welchen Fragen oder Ideen» die Documentabesucher_innen von einer Kasselreise «nach Hause fahren» würden. Die Antwort ist eine Din-A4-Seite voller Satzfetzen, ein Bild ohne Bildinhalt. Eine geballte Ladung Selbstverteidigung, gespickt mit appellativen Botschaften. Es gebe keine Besucher, sondern nur Teilnehmer, ist eine davon. Wo die Künstler seien und wo die Kunst, das sei erst noch herauszufinden, eine weitere Botschaft und gleichzeitig eine klare Ansage an die anreisenden Kunstinteressierten, die auf der, wie es heißt, weltweit wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst KUNST erleben wollen. «Achtung! Wir legitimieren unsere Praktiken, indem wir die legitimierten Institutionen in unserer heutigen Gesellschaft hinterfragen!» Auch dies eine klare Antwort, sie steht unten links auf dem Blatt, das weit über hundert Wörter abbildet und sonst nichts.

So viel Antwort auf eine so simple und, wie ich als naiver Kunstfreund annehmen würde, berechtigte Frage! Ich hätte mir etwas Liebevolleres vorstellen können. Und ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn die Antwort nicht komplett in englischer Sprache ausgefallen wäre.