d15 – Es gibt Kollektive und Kollektive, Herr Brock

Als ich vor fünf Wochen die Vorbereitungen zur documenta fifteen vor der Documentahalle beobachtete und sah, wie die Glasfassade des schicken Ausstellungsgebäudes langsam hinter abgetakelten Wellblechen und einem gekrümmten Eingang, ebenfalls aus Wellblech, verschwand, hatte ich Fragen an die Ästhetik.

Links die Baustelle: Wellblechfassade mit noch fehlendem Eingang. Rechts: Blick auf den Eingang am Eröffnungstag der documenta, von Polizei bewacht, damit keine Verrückten die verrückte Eröffnungsansprache, die Herrn Steinmeier direkt hinter dieser Wand gehalten hatte, stören würden.

Inzwischen ist das Hineingehen in diesen gekrümmten Vorbau, gedacht als Simulation eines Tunnels, ispiriert von der Maasai Manyatta, der traditionellen Behausung des Maasai-Volks in Ostafrika, inzwischen gehören das Eintreten in diesen dunklen Raum und die Ankunft in der Documentahalle selbst zu den erhebendsten Momenten bei dieser Weltausstellung. Der obere Teil der Halle ist innen mit dem gleichen Wellblech eingekleidet wie die Außenwand. Es ist dadurch alles dunkel in diesem Raum. Die Blechbahnen stammen vom Wajukuu Art Project, einem Kollektiv zehn Kilometer östlich des zentralen Geschäftsviertels von Nairobi, Kenia, gelegen. In diesem Slum arbeiten die Künstler des Wajukuu Art Project in provisorisch errichteten Hütten, die mit diesen Wellblechbahnen notdürftig überdacht sind.

In den gleichen Räumen, in denen die Besuchermenge bei der letzten documenta auf den Klassiker der Weltmusik, Ali Farka Touré, stieß, gestaltete Wajukuu Art Project einen Raum von berührender Intimität mit wunderschönen Kunstwerken an den Wänden und im Raum und mit einem Film, der ihre Arbeit im Slum zeigt, zu der neben professioneller Kunstausübung auch soziale Projekte und künstlerisches Arbeiten mit afrikanischen Kindern gehören. Für diese Kinder, unter denen, genauso wie im afrikanischen Fußball, Talente schlummern, die das Zeug zu großen Karrieren haben, ist dieser Ort auch ein Ersatz für die Schule. Doch vor allem ist es ein Ort der Geborgenheit  und Sinngebung, des Schutzes vor Kriminalität und der Entdeckung der eigenen Kreativität.

Herr Brock, können Sie diese Ausführungen als Ergänzung zu Ihren extrem radikalen und vielleicht doch sehr einseitigen Äußerungen über den Wert, beziehungsweise Unwert von Kollektiven annehmen?