d15 – Gesamtkunstwerk

In der großen Wiese vor der Orangerie entsteht ein Haus aus Stoffresten. Dicke, mit Eisenblech zusammengehaltene Stoffballen aus der Kleidersammlung werden zu einem Haus zusammengestapelt, einem begehbaren Haus, das auch eine Tribüne für Veranstaltungen erhalten soll.

Heute bei einer lauschigen Besichtigung des einfach und im rechten Winkel auf die Wiese gestellten Stoffhauses spielte das Wetter zusätzlich zu den Augenreizen noch einige weitere Reize hinzu. Es hatte frisch geregnet und die Stoffballen dampften feuchte Düfte gegen den Himmel. Jetzt weiß ich, wie sich die Nase bei der Arbeit in einem Stoff-Sammel-Lager fühlen mag. Sie wird gestresst und etwas beleidigt sein. Die Gerüche, die den gepressten Recycling-Stoff-Quadern entströmen, sind scharf, ich würde sogar sagen unangenehm, zumindest sehr ungewohnt sind sie.

Auf dem Bild links, ist im Hintergrund ein blaues Dixi-Klo, davor gemütlich eine Sitzecke für die Bauarbeiter. Das Gebäude muss nicht in Rekordzeit stehen, da ist auch mal Zeit für eine Sitzpause. Auch muss das Gebäude nicht für die Ewigkeit stehen. Beim Anblick des Stoffballen auf dem rechten Bild entsteht allerdings die Frage, ob es das Stoffhäuschen überhaupt bis zur Eröffnung der documenta fifteen schaffen wird. Jemand scheint da nämlich schon tüchtig rumgepopelt und Material herausgepuhlt zu haben.

Na, wird schon werden, und, auch wenn das vielleicht nicht der Sinn der Sache ist, aber in diesen abgewirtschaftet wirkenden Stoffballen rumzupuhlen, scheint sich für manche Kunstfreunde geradezu aus der Sache heraus anzubieten, auch wenn ich mich nicht zu diesen Kunstfreunden zähle – es versetzt mir jedesmal einen Stich ins Herz, wenn ich irgendwo in der Stadt Hundehorden beim Hordenbrunzen an den Beuys-Basalten beobachte.

Was den Gesamteindruck betrifft, erhöht dieses unkünstlerische Gepopel jedenfalls die Sinnenfälligkeit des Anwesens und seine Brüchigkeit, auch den Duft erhöht es übrigens, denn je mehr von den Tonnen zusammengeführten Textilabfalls mit der Luft in Berührung kommt, umso intensiver der Geruch der Gesamterscheinung.

Ein Papa erklärte seinem kleinen Töchterlein auf dem Laufrad, das sich ins Innere des Stoffgebäudes verirrt hatte, dass hier bald Theater gespielt werde. Freilufttheater wird es sein. Mal sehen, wie sich die zu bespielenden Themen mit der Bausubstanz der Theaterwände verstehen. Ich denke, da wird es wieder einiges zu lernen geben. Und sollte es bei der einen oder anderen Aufführung regnen, so ist der Himmel über der Aue groß genug, um jederzeit tief durchatmen zu können.