d15 – Schildbürgers Globalisierung

Schildbürger, Licht ins fensterlose Rathaus tragend

Der Herbst ist in Nordhessen eingezogen. Draußen hat es empfindlich abgekühlt. Nicht nur die documenta, auch die Leute um sie drum herum müssen sich für die letzte Woche Lumbung und Nongkrong und Sharing und Harvesting warm anziehen. Gleichzeitig mit der Explosion der Gaspreise werden in den Häusern die Heizungen aufgedreht, selbstverständlich auch die mit Gas. Klagen von Bäckereibetrieben machen die Runde, sie ächzen unter der Last der verteuerten Energiepreise. Brötchen gedeihen schließlich nur in der Wärme – die aber ist teuer geworden wie noch nie. Vielleicht haben wir bald die letzten Brötchen verzehrt. Doch es wird noch immer so getan, als könnten wir durch entsprechende Maßnahmen die Butter von den Brötchen anderer herunterholen – und die Brötchen dazu. 

Die Wirkung von Sanktionen gegen fremde Länder werden spätestens dann erkannt, wenn keine Kartoffeln mehr im Supermarkt und keine warmen Brötchen mehr auf dem Tisch sind. Die, welche solche Möglichkeiten voraussagen, werden lange belächelt. Und plötzlich gucken alle dumm aus der Wäsche und fragen: Warum hat uns das vorher niemand gesagt?

Global denken ist nicht en vogue, dünkt mich, weder auf dem Parkett der Politik noch in der Kunst. Serienweise platzen die Luftballons globaler Strategien und mit schildbürgerhafter Emsigkeit wird nun das Schlimmste zu verhindern und Licht in die verdüsterten Köpfe derer zu bringen versucht, die irrtümlicherweise glaubten, globale Siegerspiele zu spielen. Ich mag keine Namen nennen, aber ist es nicht belustigend, wie wenig manche Leute von der Globalisierung verstanden haben? Nein, es ist nicht lustig, weil verheerende Prozesse ablaufen.

Das gleiche gilt auch für die documenta fifteen. Haben sich nicht viel zu viel Marktschreier aus dem globalen Norden als verkappte Schildbürger geoutet? Sie wettern gegen den sogenannten «Regionalismus» in der Kunst und benehmen sich selbst wie hinterwäldlerische Regionalisten. Sie meinen Trends zu setzen und Klartext zu sprechen und verkennen, dass schon lange niemand mehr auf sie hört. Sie tragen ihre ungelösten Konflikte an diejenigen heran, die ihnen mit offenen Armen entgegenkamen.

Für mich ist es hart, von der Arroganz der Ersten Welt zu sprechen, von der Arroganz eurozentristischen Denkens, hart und traurig, denn ich darf nicht damit rechnen, dass immer genügend Unterscheidungsvermögen da ist, um zwischen den Marktschreiern und anderen zu unterscheiden. Ich gehöre also mit in den Topf derer, die mir selber zur Zeit massiv Schluckauf bereiten.

In einem Gespräch heute zwischen Ade Darmawan (ruangrupa), Berenike und mir, in dem wir ihm für Vieles dankten, was er und seine Mitstreiter realisiert haben in Kassel, sagte er wiederholt: «Wieso bringt ihr eure Sichtweise nicht in die Öffentlichkeit?» Ich spüre, wie berechtigt seine Frage ist, natürlich spüre ich das. Und wie gern würde ich ihn an diesem Punkt nicht enttäuschen. Doch wie ungleich und unfair sind doch die Kuchenstücke verteilt, durch die sich die Teilhabe am öffentlichen Leben definiert.

Wie laut und kontraproduktiv umtriebig sind die Schildbürger in ihrer verqueeren Schusseligkeit?! Und wie wenig bleibt übrig von dem, was uns an gesundem Menschenverstand geblieben ist!