d15 – Harvests

Gemeinsam mit dem Übergang vom Sommer zum Herbst vollzieht auch die documenta den Vewandlungsschritt in die Erntezeit. Bald wird sie vergangen und ins Keimstadium der nächsten documenta übergegangen sein. Ich bin bei manchen Klanginstallationen schon nostalgisch, weil sie bald nicht mehr zu hören sein werden. Selten war ein gesamtkünstlerischer Verwandlungsprozess so geistig und sinnlich wahrnehmbar wie diese documenta.

Das Kompostklo (Farbbild) des niederländischen Künstlerkollektivs van Lieshout, eines gewitzten Kollektivs, das mit Werken zwischen Installation, Happening, Bildhauerei, Design und Architektur, bis hin zu utopischen Szenarien, provoziert, lädt schon länger zu einer ungewohnten Stoffumsetzung ein. Das Normalste der Welt wird zur Sensation. Die Aufsicht animiert schmunzelnd zur realen Benützung dieses Hochsitz-Ausguck-Freiluft-Plumpsklos. Bei der Frage, was es mit dem beigen Riesentrecker (siehe s/w-Foto) neben diesem eigenartigen Kunstwerk auf sich habe und ob die Dampfkonstruktion (links im Bild) funktioniere, zucken sie unschlüssig mit den Schultern. 

Über den Zusammenhang zwischen dem Klo und diesen Maschinen studiert man am besten die Infos auf der Website der documenta, da ist zu lesen, dass neben den Künstlern aus den Niederlanden ein zweites Kollektiv, MAMA (Más Arte Más Acción), mit von der Partie ist. Es ist an der Pazifikküste Kolumbiens angesiedelt und will durch Kunst zum kritischen Denken anregen.Außerdem will MAMA «ganz bewusst ein Gewirr kultureller und künstlerischer Prozesse» erzeugen.

Vielleicht versinnbildlicht dieser chaotische Standort neben der Orangerie den Impuls dieser documenta am allerbesten. Sie trat an, um soziale Gestaltungs- und Wachstumsprozesse ingang zu bringen. Dazu brachte sie erlesenes Saatgut mit, Begriffe wie «Humor», «Großzügigkeit», «Teilen», «Anteilnehmen» und «Vertrauen». Diese Begriffe, so die Idee, sollten in den Herzen der Menschen aufgehen und dort gedeihen. Durch Myzelienblildung im Geiste, ein Thema, das die französischen Philosophen Deleuze und Guattari schon in den 1980er Jahren bewegten, sollten unterirdische Beziehungsgeflechte entstehen, die unser gesamtes Miteinander in andere, neue Dimensionen erweitern.

Doch das Saatgut ist tüchtig durcheinander geraten und die Ernte wird anders ausfallen als gedacht. Sie wird wenig zu tun haben mit dem Bild der Reisscheune und den Ernteüberschüssen, die bei Bedarf brüderlich und schwesterlich geteilt werden. In der Saat war irgendwie Gift mit dabei, durch wen auch immer dieses untergemischt worden sein mag. Dieses Gift ist ebenso aufgegangen wie die anderen Samen. Und obwohl die Samen zu Guten von den Künstlerinnen, Künstlern, Besucherinnen, Besuchern sorgsam gegossen worden sind, treiben die Blumen des Bösen täglich neue Blüten. 

Gruß