d15 – Hölderlins Bergpark

Friedrich Hölderlin – Stefan Zweig nannte ihn den größten Dichter deutscher Sprache – hielt sich 1796 lange in Kassel auf und erging sich glücklich im Bergpark Wilhelmshöhe, ergriffen von den Schönheiten dieser künstlichen, übernatürlich naturaffinen Landschaft. An seiner Seite die Mutter der Kinder, die er zu unterrichten hatte, Susette Gontard, zu der Hölderlin eine Liebe entwickelte, die die feingliedrige, seelenstimmige Frau erwiderte.

Große Hauptstränge des Hölderinschen Werkes lassen sich mit den gemeinsamen Liebeswochen in Kassel verbinden. Damit ist eine große Aussage gemacht, die innerhalb der Kunst, diesmal der Literatur, große Bedeutung hat.

Interessant finde ich zweierlei. Einmal sind Dichter wie Hölderlin oder der ihm in manchem kongenial ähnliche Novalis in südostasiatischen Ländern bekannt. Vermutlich gibt es inzwischen in China mehr Hölderlinkenner als in Deutschland. Trotz dieser Tatsache scheinen keine direkten Fäden zwischen diesem allgemeinen Interesse auf der anderen Halbkugel der Erde und den documenta-Verantwortlichen zu bestehen. Jedenfalls besticht die kommende documenta durch die Perspektive, dass ein Blick in Richtung Westen der Stadt, und damit in Richtung Bergpark, entschieden keine Perspektive sein möge, ja die Auseinandersetzung mit dieser Ecke der Stadt fast so etwas wie ein Tabu sein soll.

Wäre ja auch zu viel verlangt, ich meine, wie sollen wir von unseren Freunden im fernen Osten erwarten, was wir seit einem Vierteljahrtausend (!) verschlafen: Hölderlin war noch nie eine Perspektive, weder für Goethe und Schiller noch die anderen Großen, die auf sie folgten! Wieso sollte es also für die Freunde im Ruru-Haus anders sein?!

Oder – bitte offen bleiben – täusch ich mich? Werden da noch Perspektiven geöffnet werden in den nächsten Wochen? Wäre schön, wenn das so rauskommen würde und ich mich täuschte, denn das wäre wahrlich eine Sensation.

Gruß