d15 – «In einem Element darinnen»

Heute bekam ich Post. Ein Freund schickte mir einen Artikel über einen ausgewanderten Graubündner, der in einer unwirtlichen Gegend in der Nähe des Polarkreises lebt und dort in der Einsamkeit Bücher schreibt. Der Freund schrieb, wie ihn Menschen faszinierten, die sich mit aller Lebensenergie «einer» Sache widmen und sich mit «einem» Berg, «einem» Felsen, «einer» besonderen Form des Lichts auseinandersetzten und dieser Sache ganz zugewandt bleiben. «Es fasziniert mich immer wieder, wie Menschen solche Neigungen zeigen, in einem Element besonders darinnen zu sein oder darin in besonderer Weise suchend zu sein,» las ich und sofort schoss mir die Frage durch den Kopf: Muss ich dem Freund jetzt antworten, dass er auf dem Holzweg sei? Muss ich ihm mitteilen, dass diese Form von Lebensstil nicht mehr zielführend sei, auch dann nicht, wenn es sich um Schriftsteller handelt? Soll ich ihm von unserem Bemühen hier in Kassel während der documenta erzählen, wo das Kollektiv die verschwurbelte Welt der Eigenbrödler endlich final ersetzen gedenkt? 

Nein, erst will ich abwarten, ob die Frage nach dem Solisten und der Solistin, die nicht nur in der klassischen Musik, sondern in jeglicher Form von Kunst bisher eine unersetzbare Rolle spielten, gegen das Kollektiv ausgespielt werden oder ob einfach nur die Macht von erfolgreichen Kollektiven und NGOs endlich ihren Stellenwert in der Bildungs- und Kunstwelt und darüber hinaus bekommen sollen.