d15 – Intimität

Der israelische Kurator Nicola Trezzi leitet das Center for Contemporary Art in Tel Aviv und hat gerade Kollektive aus aller Welt gezeigt. Die Zeitschrift Monopol hat mit ihm über die documenta-Debatte gesprochen.

Plakat von Taring Padi, Außenwand Standort Hallenbad Ost

Auf Taring Padi und ihr Banner People’s Justice angesprochen, meint Trezzi, das größte Problem sehe er nicht in der dort entdeckten problematischen Figur, sondern darin, dass ruangrupa daran gescheitert sei, sie als solche zu erkennen. Sein Vorwurf geht dahin, dass das Vorgehen von ruangrupa, das Banner im Nachhinein zu entfernen, von nachhaltigem Schaden gewesen sei. Der Aussteller aus Tel Aviv hat natürlich gut reden, er konnte die aufgeheizte Stimmung aus gebührender Entfernung beobachten, ruangrupa hingegen sah sich vor die Alternative gestellt, entweder dieses bittere Zugeständnis zu machen oder die Ausstellung auf der Stelle abzubrechen. Das Kuratorenteam konnte sich nicht mehr anders aus der deutsch-deutschen Antisemitismus-Debatte retten. Dennoch, Trezzi hat recht, wenn er meint, so etwas kreiere «viele Probleme, wie bei einem Bumerang. Denn dann erzeugt man erst den Eindruck, dass es wirklich ein antisemitisches Statement gab – was meiner Meinung nach nicht der Fall war.»

Ist das nicht eine erstaunliche Stimme aus Israel? Doch damit nicht genug. Nicola Trezzi zieht aus seiner Erkenntnis einen ebenso erstaunlichen Schluss. Die wichtigste Frage der documenta fifteen sei die Frage, wie man mit Kollektiven und Gruppen arbeite, ihnen die nötige Freiheit sichere und trotzdem eine Ausstellung entwickle, die funktionert. Vielleicht sei das bei der Größe einer documenta gar nicht möglich. Trezzi sieht in der Arbeit von Künstlerkollektiven eine Graswurzelbewegung. Er schreibt: «Vielleicht eignen sich diese Grassroot-Positionen nicht für eine ‹Monsterausstellung› wie die Documenta. Kann eine Ausstellung in Europa, mit so einer Größe und so einer Finanzierung, gleichzeitig ein Community Space sein? Braucht die Community nicht einen geschützten Raum – der zum Beispiel nicht auf diese Weise von Politikern beäugt wird? Bei der Documenta Fifteen könnte am Ende der Versuch, mehr Freiheit zu erlangen, in einer Beschneidung genau dieser Freiheit enden.»

Ist damit nicht genau der wunde Punkt der diesjährigen documenta getroffen? Politikerinnen und Politiker haben sich dieser Ausstellung inzwischen tatsächlich in einem solchen Ausmaß bemächtigt, wie dies noch nie der Fall war und leider auf keinen Fall gut enden kann. Es könnte der Bumerang für viele Ausstellungen werden, nicht nur für die documenta. Das wäre ein unbezahlbar hoher Preis für die sympatische Unbekümmertheit, mit der ruangrupa die Intimität von Kollektiven zu Grabe getragen hat. Oder darf ich sagen: «hätte», denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt?!