d15 – Kann das weg?

Bisher verstanden sich die zwei als Gärtnerteam. Dann kam digitale Post. Er habe die Mail von Ilona Németh fast als Spamnachricht gelöscht, erzählte der männliche Teil des kleinen Teams der Zeitung. Als er sie dann doch gelesen hatte, ging ein Prozess los, der die beiden über Nacht als Künstler in die Kladden zwischen den Kollektiven der documenta fifteen aufnahm. Inzwischen versorgen die Gartenkünstler aus Kassel gleich zwei Kunstwerke mit ihren Pflanzen und der dazu gehörigen Pflege.

Joseph Beuys hätte seine Freude gehabt. Sein damals noch wie eine Utopie in Kunstzusammenhängen laut werdender Slogan Jeder Mensch ein Künstler ist zum Flächenbrand geworden. 

Dabei möchte ich an die Unterschiede zwischen den Kunstmachenden erinnern, nicht weil damit dem Gärtnerteam eins ans Bein gehauen werden soll, sondern weil uns solche Unterschiede auf der Ausstellung immer wieder begegnen. Die Frage, was Kunst sei und was nicht, begleitet diese documenta wohl bis zum letzten Tag. Um nochmals an Beuys zu erinnern: Er machte Kunst, die viele nicht verstanden. «Einen Kartoffelsack ins Museum stellen und ihn zum Kunstwerk erklären, das kann doch jeder», schimpften die Beuyskritiker. Doch so einfach war das bei Beuys nicht. Er produzierte großartige Werke. Beuys gilt schon heute als Jahrhundertkünstler.

Als eine Gruppe SP-Politiker für eine Feier in einem Abstellraum eine Badewanne mit einem Fettklotz drin entdeckte und diesen kurzerhand entfernte, die Wanne mit kaltem Wasser füllte und darin das Bier für ihre Feier kühlen, kam Professor Beuys, fordert sein Kunstwerk unversehrt zurück (was nicht mehr möglich war) und erstritt in einem Prozess eine Schadenersatzsumme, die sich gewaschen hatte. Für die SP war das eine richtig teure Party geworden.

Beuys gehörte nicht nur zur alten Künstlerszene, in der erkennbar große Kunst produziert wurde, er gehörte auch zu denen, die für ihre Werke hohe Preise erzielten. Wenn ich da an manche Künstlerinnen und Künstler dieser documenta und ihre Werke denke, bin ich überzeugt, dass bei ihnen ein vergleichbarer Vorfall wie der mit der Badewanne anders ausgehen würde.

Im Hübner Areal ist folgendes Detail zu sehen:

Die Rohre, Kupplungen und die Anweisung «Entleerung Maschinen-kühlung Betätigung nur durch WT !!!!!» ist ein Überbleibsel vom Werkareal Hüber. Also keine Kunst. Der weiß bemalte Pappkarton mit der Aufschrift «Make love not RACIST LAWS» ist Teil des Beitrags von Trampolin House, also Kunst.

Würde nun jemand die Gretchenfrage stellen, was davon denn nun wirklich Kunst sei und was wegkönne, oder würde gar jemand die beiden Teile einfach runterreißen und in einen Mülleimer stecken, ich bin mir sicher, dass kein Prozess ingang gesetzt würde. Ich glaube sogar, dass der Künstler oder die Künstlerin, in diesem Fall vermutlich eine Schülerin oder ein jugendlicher Arbeitsloser aus Dänemark, gar nicht mehr auf dem Schirm hätte, einst diese Lettern auf den Pappkarton gekritzelt zu haben.

Wer mit solchen Betrachtungen dieser documenta auf den Zahn fühlen möchte, gerät in eine Sackgasse. Vielmehr sind die beiden Tafeln dazu da, uns auf Sinnzusammenhänge aufmerksam zu machen. Beispielsweise auf die Frage, wie das mit der LIEBE (die die Asylsuchende in Dänemark vergebens suchen, wie das Kollektiv Trampolin House zu betonen nicht müde wird) oder wie das mit dem KRIEG sei (die Firma Hübner in Kassel, die die Räumlichkeiten für den documenta-Standort Hübner Areal zur Verfügung stellte, produziert auch Kriegshandwerk).

Gruß