d15 – «Jetzt nur nicht aufgeben…»

«Jetzt nur nicht aufgeben, um Gottes Willen nicht aufgeben», hören wir in einem der Brecht/Weill-Lieder. Angesichts dessen, was seit einigen Wochen rund um die documenta fifteen geschieht, ist es höchste Zeit, die Werte neu zu besinnen, die dieses Mal das Geschehen bestimmen sollen. Wenn wir jetzt schon aufgeben, ist eine einmalige Chance vertan!

Niederschwellige bis gar keine Hierachien, das war eine der Kernideen des Kuratorenteams ruanrupa. Vertrauen und Zuversicht in uns Menschen und unsere Fähigkeit, uns von Kulturressourcen und ihren Überschüssen nähren und diese mit anderen teilen zu können, das sind die Eckpfeiler, auf denen die documenta 2022 ruhen soll.

Für das Teilen von Überschüssen prägte ruangrupa den Begriff «lumbung», analog dem Bild eines Getreidespeichers oder, wie in Indonesien, einer Reisscheune, und die Möglichkeit, den in dieser Scheune gespeicherten Ernteüberschuss unter Menschen, bei denen das eigene Getreide oder der eigene Reis zum Leben nicht ausreicht, aufgeteilt werden kann.

Nun steht die Frage im Raum, ob die nach Kassel gekommenen Küstler_innen aus dem Globalen Süden bereit sind, die um sich greifende Antisemitismusdebatte, die vielleicht ein Skandal, vielleicht aber auch nur ein Speltakel ist, mit denen, die sie veranlasst haben und dauernd weiter schüren, ins Gespräch zu gehen bereit oder fähig sind. Katja Maurer sieht schwarz, sie spricht schon zu Beginn der documenta so, als wäre die Chance zum Gespräch endgültig vertan, weil sie glaubt, dass dazu die Bereitschaft fehle, eigentlich auf beiden Seiten fehle. In ihrem, wie ich finde, lesenswerte Netzbeitrag (https://www.medico.de/blog/skandal-oder-spektakel-18679) meint sie, die «Chance für eine globale Kunst jenseits des Marktes» sei die documenta «von vielen Seiten vertan» worden.

An diesem Punkt nun nicht nach Schuldigen zu suchen und keine Sündenböcke für die Misere verantwortlich zu machen, das ist das Gebot der Stunde. – Es gibt Formen des Dialogs, die immer noch möglich sind und fruchtbar sein könnten. Obwohl Katja Maurer schon aufzugeben scheint und dies mit klaren Gedanken plausibel macht, setze ich auf den Dialog. Er hat noch nicht einmal begonnen, doch als Chance steht er uns allen jedezeit bereit.

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