d15 – Joseph Beuys

Beuys ist nicht nur einer der großen Namen, was die wiederholte Teilnahme an der documenta angeht, er ist auch ein Name, der integrieren könnte – auch und gerade heute. Vereingte er doch in seiner Person einen ausgeprägten Personenkult mit stark kollektivistischen Motiven. Sein letzter documenta-Beitrag, die Pflanzung von 7000 Bäumen mit je einer Basaltstele daneben, vereinigt diese beiden Pole, die in seiner Person zusammenkamen, in einmaliger Weise. Die Pflanzung war das Kind von Beuys, der sein ganze Charisma aufwenden musste, um das gigantische Kunstwerks zu finanzieren, sie wäre aber ohne einen breiten Kreis von Sponsoren und ohne ein Team von begeisterten Helfern und Fachleuten, die Baum für Baum pflanzten und Stein für Stein setzten, unmöglich gewesen.

Sein Name «könnte» vereinigen, doch er tut es nicht. Die Nachwelt nützt jede Möglichkeit, um seine Vergangenheit auf die eines Nazi zu reduzieren. So wurde er auf der vergangenen documenta in der Neuen Galerie in die Bildersammlung The Real Nazis des polnischen Künstlers Piotr Uklanski aufgenommen, was dann viele Besucher zur Gleichsetzung Beuys=Nazi motivierte und seither weiterlebt (dieser quasikausale Sinnzusammenhang wurde dann 2021 anlässlich von Beuys‘ hundertstem Geburtstag auch von den deutschen Feuilletons rauf und runter gebetet).

Gestern berichtete die Lokalpresse von einem 30-jährigen Mann, der am Samstag gegen 15 Uhr 20 «ein Hakenkreuz mit einem Stift auf einen Beus-Stein auf dem Friedrichsplatz geschmiert» habe. Die Polizei fasste den Mann in der Nähe der Straftat, er gab die Tat zu. Das Schandsymbol auf der Basaltstele ist inzwischen wieder gereinigt und unsichtbar gemacht worden. Zurück bleibt eine dunkle quadratische Einfärbung auf der Oberseite, siehe Bild unten.

 

Nun häuft sich auch auf diesem Stein ein weiteres Stück Geschichte. Während es Verrückte wie der 30-jährige Mann, der auf dem Posten nur «wirre Angaben» gemacht habe, in die Zeitung schaffen, versehen Hunde die Beuyssteine stadtweit seit Jahrzehnten mit Schmierereien. Sie sind auch an diesem Stein verewigt, siehe die dunklen Pissstreifen im unteren, von der Sonne beschienenen Teil der Abbildung. Sie, unsere kleinen Lieblinge, dürfen das natürlich, sie müssen das tun, sagen uns die Psychologinnen im Hundekurs. Und Beuys selbst hatte natürlich auch keine Probleme damit, er liebte Hunde.

Schade, dass er am Samstag nicht in Kassel war, er hätte mit dem Mann, den die Polizei verhaftete, bestimmt ein Gespräch geführt, hätte versucht, ihm ein Gegenüber zu sein. Außerdem bin ich überzeugt, dass sich Piotr Uklanskis Beuys zu seinen Lebzeiten nicht unter die «real Nazis» eingereiht, weil Beuys auch mit ihm Gespräch gesucht hätte – und davor hätte sich der Künstler, der mit seinen Werken zum Thema «Nationalsozialismus» erstens den Zeitgeist getroffen und zweitens viel Geld verdient und insgesamt eine recht billige Kunst-Markt-Lücke gefüllt hatte, wohl ziemlich gefürchtet.

Das ist nur eine Annahme von mir, ist mir klar. Ich will damit andeuten, dass sich Geschichte, und genau so auch die Biografie von Joseph Beuys, nicht so leicht abhandeln lässt, wie das immer wieder geglaubt und gerne getan wird.