d15 – «Wir versuchen, keinen Unterschied zwischen Kunst und Leben zu machen»

Jemand schrieb unlängst an das künstlerische Team der documenta fifteen, es gebe «Tausende von praktizierenden KünstlerInnen und darüber hinaus die Behauptung von Joseph Beuys, jeder Mensch sei ein Künstler. Viele von diesen werden die documenta erwartungsvoll besuchen. Wie gehen Sie, als das künstlerische Team der documenta mit all den suchenden KünstlerInnen um?»

«Vielen Dank für deine Frage«, lautet die Antwort, «wenn jeder Mensch ein Künstler werden würde, kannst du dir vorstellen, dass sich die ganze Welt in eine Kunstwelt verwandelt? Wie viel mehr Wettbewerb gäbe es? Wie viele Biennalen? Im lumbung-Gedanken ist die Kunst im Leben verwurzelt. Wir versuchen, keinen Unterschied zwischen Kunst und Leben zu machen.»

Vielleicht sollte ich nicht erwarten, dass das künstlerische Team den erweiterten Kunstbegriff von Beuys kenne, der nichts anderes als genau die Übereinstimmung von Kunst und Leben meint. Ja vielleicht habe ich Grund zu jubeln, weil die Kuratorinnen und Kuratoren der documenta und das von ihnen beauftragte künstlerische Team das, was Beuys wollte, längst in ihre Biografien integriert haben, ohne Bezug auf die Kunstgeschichte nehmen zu müssen. Die oben wiedergegebene Antwort fällt jedenfalls so aus, dass ich mich frage, ob die künstlerische Leitung der documenta Beuys überhaupt kennt oder, falls sie seinen Namen kennt, was ich schwer annehme, ob sie ihn versteht. Ich meine, sie hätten in ihrer Antwort als erstes klären müssen, dass Beuys mit dem erweiterten Kunstbegriff natürlich genau nicht jene tausenden von praktizierenden Künstlerinnen und Künstlern im Auge hatte, sondern alle die Milliarden ‚ganz normalen‘ Menschen, die kreativ ihr und das Leben der anderen gestalten (ohne auf Applaus und Wettbewerbe und Biennalen zu spekulieren).

Was zu bedenken ich nicht unterlassen kann, ist die Frage, ob ruangrupa und ihr künstlerisches Team mit zweierlei Kunstauffassungen operieren? Einer westlichen, die Kunst und Künstler_innen noch immer auf Wettbwerb und Biennalen reduziert? Und einer östlichen oder indonesischen, die Kunst und Leben als ein ineinander verflochtenes Thema auffasst? Ihre Auffassung ist von Beuys (und nicht nur von ihn) schon vor einem halben Jahrhundert in den Kunstdiskurs eingebracht und immer weiterentwickelt worden – die 7000-Eichen-Aktion der documenta 7 darf als ein vorläufiger Schlussbaustein im Domgewölbe der Gestaltung des Lebens aus sich selbst heraus betrachtet werden.