d15 – An der Quelle des Lebens

Manchmal brauche ich die Sprüche, die am Faden des Teebeutels befestigt sind, nicht, sie nerven sogar. Doch manchmal mache ich mir Gedanken über ihren Inhalt und weiß dann, dass ich ein Geschenk in Händen halte. So heute morgen, heute habe ich das Denkangebot angenommen.

Dass wir das Leben nicht besitzen wie einen Einkaufskorb voller Waren, die wir gerade eben im Supermarkt bezahlt haben, sondern dass uns unser Leben als Projekt aufgegeben ist, lohnt sich zu erinnern und entsprechend zu bedenken. Auf die documenta angewandt, heißt das: Wir haben sie nicht in der Tasche, nur weil wir von ihr wissen oder über sie einige Gedanken verlieren. Erst eine aufmerksame Begehung der vielen Standorte macht sie allmählich handhabbar, wenn auch nie zum festen Besitz. Es sollte niemand über sie als Phänomen oder Tatsache sprechen, wer nicht auf ihre Angebote einzugehen gewillt ist.

Wer ohne Liebe durch die Ausstellungsräume und über die Plätze hetzt, wird wenig von dem erfahren, was da an Lebendigkeit und Anmut verdichtet ist.

Dieses Bildchen hat ein Harverster auf eine der Innenwände in einem Ausstellungsraum des Fridericianums gezeichnet. Ich hätte es nicht gesehen, wenn ich nicht mit wohlwollender Aufmerksamkeit durch den Raum geschlendert wäre. Die Harvester sind auf dieser documenta groß geschrieben. Mit ihnen sind Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei Veranstaltungen gemeint, die im Nachhinein die Veranstaltung reflektieren und einen Bericht, ein Comic, eine Zeichnung oder ein Bild dazu herstellen. Die documenta ist voller Harvests. Das macht nicht nur Freude, das nervt auch mal. Die harvests hängen überdimensional an Wänden und frei in den Räumen, meist wenig Ästhetik ausstrahlend, meist viel zu wortlastig, und vor allem: viel zu viele, so als wäre alles, was wir da so tun, durchs Band in den Segen reicher Ernte gestellt.

Obige Skizze von der Größe einer Babyhand hat es in sich. Sie handelt von der Liebe im Denken, für welches nicht nur das Hirn zuständig ist, sondern genauso das Herz. Bei jeder der drei skizzierten Figuren gibt es einen anders zusammengesetzten und auch anders funktionierenden Zusammenhang zwischen Kopfdenken und Herzdenken. Dies trennt die Figuren jedoch nicht voneinander, sondern die Gedankennetze, die über ihnen schweben, sind vielschichtig miteinander in Beziehung.

Eine Möglichkeit ist, an dieser Miniskizze vorbeizurennen und sie gar nicht zu sehen. Eine andere wäre, vor ihr stehenzubleiben und sich an ihr zu erfreuen. Des weiteren ließen sich die großen Zusammenhänge reflektieren, in die sie eingebettet ist, beispielsweise durch die Hinzuziehung eines Zitats von Rudolf Steiner aus seinem Hauptwerk, der Philosophie der Freiheit, wo es an einer Stelle heißt: «Der Weg zum Herzen geht durch den Kopf. Davon macht auch die Liebe keine Ausnahme.»

Obige Skizze macht diesen Satz so recht virulent und lebensnah. Sie verweist in witzig liebevoller Weise auf die Wechselwirkung des zwischen Kopf und Herz hin und her tanzenden Denkens.

Die Skizze ist übrigens nichts weniger als eine Gebrachsanleitung für die documenta fifteen selbst.

Gruß