d15 – Licht im Tunnel

Eine Besucherin der documenta machte die Leitung auf «weiteres antisemitisches Bildmaterial» aufmerksam. Als sie nicht sofort eine Antwort bekam, ging sie an die Öffentlichkeit. Diese reagierte erwartungsgemäß heftig und, ebenfalls erwartungsgemäß, ohne die Sache selbst in Augenschein zu nehmen und zu prüfen.

Unter anderen gerieten Bilder des Syrers Burhan Karloutly (1933-2003) unter Beschuss, genau genommen die folgenden zwei kleinen Abbildungen aus einem Kinderbuch:

Ein Junge, auf den ein Gewehrhals gerichtet ist, darüber vier Soldaten, auf deren Helmen der Davidstern prangt. Dann ein Junge, der am Ohr gepackt wird von einem Soldaten, ebenfalls mit dem Davidstern auf dem Helm.

Es musste sage und schreibe die halbe Zeit der 100 Tage vergehen, bis die ersten kompetenten Stellungnahmen erfolgen. Erst jetzt, wo das Glas der documenta bereits halb leer  ist, wird der sogenannte «Antisemitismus-Eklat», der auch als «Antisemitismus-Farce» umschrieben werden kann, in den Senkel gestellt (ich weiß, in dieser Sache von «Farce» zu sprechen, ist ein Stein des Anstoßes; dennoch wage ich diese Formulierung, denn auch wenn alles dafür getan werden muss, dass jüdische Menschen heute absolute Anerkennung und Sicherheit im öffentlichen Leben genießen dürfen, ist das, was von Anfang an gegen die d15 als Antisemitismusvorwurf ins Feld geführt wurde und immer neu und weiterhin geführt wird, genau das, was man unter «Farce» zu verstehen hat: ein derbkomisches Lustspiel gewisser machtgieriger Interessensvertreter, die das, was jüdische Menschen an Anerkennung und Sicherheit undiskutierbar brauchen nach allem, was ihren Vorfahren vor allem in Europa und zuvorderst in Deutschland widerfahren ist, für ihre eigenen egoististen Zwecke missbrauchen). – Nun, bei den nicht enden wollenden Rufen nach Beendigung der Weltausstellung dürfen wir ja noch froh sein, dass es die andere Hälfte überhaupt noch gibt. Möge es die bessere Hälfte sein und möge das eingerissene Glas das Gewicht der letzten 50 Tage halten!

«Mich interessiert nicht, ob das Glas halb voll oder halb leer ist», las ich kürzlich in einem Buch, «ich freue mich, dass ein Glas da ist.»

Nachdem sich bisher noch kein einziger ausgewiesener Antisemitismus-Forscher zu Wort gemeldet hat, ist nun Joseph Croitoru nach vorn gegangen. Die neuen Vorwürfe entbehren, wie er aus dem historischen Kontext überzeugend darzustellen vermag, jeder Validität. Er nennt das Ganze «Scheuklappen-Mentalität» und adressiert den neuen Skandal, den zum Skandal hochzustilisieren gründlich misslungen ist, an den Platz, wo er hingehört, nämlich an die giftigen documenta-Kritiker, die alles daran setzen, die auf dieser documenta  aufgetauchten Künstlermassen aus dem Globalen Süden in jene Ecken zurückzutreiben, aus denen sie der Globale Norden ungern aufbrechen sieht.

Was dem Historiker Croitoru, 1960 in Haifa geboren und für sein literarisches Wirken, das sich um den Frieden in Israel und der Welt bemüht, anscheinend leicht von der Feder geht, suchen wir in den Reden von Bundespräsident Steinmeier und Kunstministerin Dorn vergeblich, nämlich das Wort «Palästinenser». Croitoru zeigt auf, wie die diskutierten Darstellungen als Sympathiegesten der arabischen Welt den Palästinenern gegenüber aufzufassen sind. Und er schreckt nicht vor der Andeutung zurück, dass vom israelischen Staat und seinen Soldaten Verbrechen begangen worden sind, die zu verurteilen jedem Staat und jedem Militär gegenüber erlaubt sein muss.

Das sind neue Töne in der Öffentlichkeit, auf die viele schon lange gewartet haben. Und wenns gut geht und die restlichen 50 Tage im Zeichen von «Lumbung» und ähnlichen Werten stehen, dann werde ich Recht bekommen, immerhin habe ich schon vor Wochen behauptet, dass das, was in der Politik und in den Medien über diese documenta bis jetzt berichtet worden sei, könne schlichtweg nicht das letzte Wort sein.

Herzlich