d15 – Leute, macht euren Job

Es scheint eine Berufsdeformation von Politikern zu sein, dass sie sich für besonders gebildet halten. Leute mit umfassender Allgemeinbildung. Na toll! Vermutlich denkt sogar Donald Trump von sich so, wenn er in den Spiegel guckt. Wegen dieser Fehleinschätzung kommt es durch Politikerinnen dauernd zu Übergriffen. Im Moment meinen sie, sie könnten in der Kunst mitreden, ja nicht nur mitreden, sondern die Sache bestimmen. Sollen sie doch ihren Job machen und dafür sorgen, dass die Steuergelder in sinnvolle Töpfe kommen. Viele von ihnen können nicht einmal das. Nun wollen sie plötzlich in der Kunst mitreden, auch wenn sie sich kaum je mit dieser komplizierten Dame beschäftigt haben.

Der neue hessische Minister Rhein trompetet neuerdings wortlaut im Orchester der politischen Missklänge mit. Er will Mitbestimmung auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene und sagte kürzlich in einem Interview, dank seiner Kunstministerin Dorn bestehe die kleine Chance, dass wir überhaupt noch eine documenta 16 erleben würden. Was für eine Hybris! Eine solche von Angela Dorn ermöglichte documenta würde ich nicht besuchen, genauso wie ich die Fußball-WM in Katar als TV-Zuschauer boykottieren werde.

Dieses Transparent hängt am Standort Hafenstraße und stammt von einem Mitglied des *foundationClass-Kollektivs aus Berlin. Da spricht die Sprache der Kunst. Sie ist politisch im Sinne von: Auf Veränderung ausgerichtet. Unpolitisch ist sie deshalb, weil von persistenter (hartnäckiger) Praxis die Rede ist, von einer Art steten Tropfens, der den Stein aushöhlt. Und es geht um den Zweifel und das Fragen. Das sind bekanntlich großartige Errungenschaften aus der abendländischen Kulturgeschichte, jedoch keine Techniken von Poltiikern. Die geben vor allem Antworten auf Fragen, die ihnen niemand gestellt hat. 

Volker Beck war auch Politiker (Abgeordneter bei den Grünen). Nun hat er, im Namen der deutsch-israelischen Gesellschaft und entgegen seiner ursprünglichen Ankündigung, doch eine Reise nach Kassel gemacht und die documenta besucht. Er hat sich die Bilder zeigen lassen, mit denen man dem im Fridericianum ausstellenden Archiv der Frauenkämpfe in Algerien zuunrecht Antisemitismus nachweisen wollten. Zuunrecht deshalb, weil die Vorwürfe nach einer Prüfung rigoros entkräftet und die Bilder in der Zwischenzeit kontextualisiert sind. Herr Beck musste das zur Kenntnis nehmen. Hat er aber nicht. Im Gegenteil, nach seinem Besuch bliebt er bei seiner Überzeugung, die er sich schon vor dem Besuch zurechtgebaut hatte und meinte, es gebe auf der documenta Exponate, die «antisemitischen Terror verherrlichen» würden. Schluss, basta. Seit Donald Trump reden wir im Zweiflsfall einfach von «alternativen Fakten». Volker Beck argumentiert mit genaus solchen ‹Fakten›.